DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
STARTSEITE


Denglisch - Über das Kauderwelsch aus Übersee

Haben Sie noch nie von der Händlerkarawane gehört, die in Europa und teilweise sogar in Übersee tätig war? Das waren jene Kauderer (Hausierer) der Oberdeutschen, die ein gutes Mundwerk hatten und sich in den verschiedensten Sprachen verständigen konnten. Damit verband sich im Lauf der Jahre das Kaudern oder Kollern des Truthahns mit dem frühhochdeutschen Küder (Flachs, Werg), das unzuverlässigen Händlergruppen eigen war. Man kann auch durch Geschichte eine Erklärung versuchen: In der Schlacht 321 v.d.Z. auf den Kaudinischen Pässen (die auch von jenen Händlern begangen wurden) blieb das römische Heer schmachvoll liegen, nachdem es durch das gleichnamige Joch gedrängt worden war.

Bleibt noch das Wort „welsch“ zu klären. Dieses Anhängsel findet man in der Schweiz als Chuderwälsch. Es hat eine romanische Wurzel, man findet es in Wallonien, in Kampanien, in Wales oder in der Walachei.

Ich möchte Wolf Schneider kommentieren, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Anglizismen zu kritisieren. Diese Aufgabe hat er weitgehend erfüllt, aber als Journalist und Sachbuchautor liebt der Professor aus Salzburg das Englische doch zu sehr, um sich von der fremdsprachlichen Manie ganz zu befreien. Das erkennt man schon am Titel seiner Neuerscheinung: Speak German. Dabei wäre der Leitgedanke „Warum Deutsch manchmal besser ist“ als Aushängebalken trefflicher gewesen.

Damit komme ich zum historischen Teil. Vielleicht bin ich ein wenig heikel, denn ich liebe das „Obers“ mehr als die „Sahne“ und die „Wiener Würstel“ schmecken mir besser als die „Frankfurter“. Freilich bringt manch Fremdes echte Vorteile. Beginnen wir mit Griechisch und Latein. Beide Sprachtypen haben als etymologische Wurzelbereiche bis heute ihre Bedeutung. Auf jeden Fall sind sie entschieden wertvoller als mancher Jackpot (Glückstopf) des 20. und 21. Jahrhunderts. Bis ins 17. Jahrhundert beherrschten Kirche und Wissenschaften Griechisch und Latein und modifizierten mit Hilfe dieser Sprachen ihre Denkmodelle. Ich selber schäme mich nicht, aus Griechisch und Latein gepflegte Fachbegriffe zu übernehmen. Dann kam das Französische. Es wurde vorrangig auf Fürstenhöfen und in Diplomatenkreisen gesprochen. Dh. es war primär chic. Französisch war die Weltsprache.

Das Denglisch ist nun eine Kombination der heutigen „einzigen Weltsprache“ mit dem Deutschen. Leider ist deutsch zu denken oder gar zu sprechen in der EU geradezu verpönt. Nach Maßgabe künftiger Wirtschaft sollte man vielleicht eher chinafreundlich als anglophil sein, denn laut Zählung von 2009 sind 1.213 Millionen Menschen dem chinesischen Idiom verbunden. Der deutschen Sprache sind nur nur 90 Millionen mächtig. Erst dann kommen die Franzosen mit 68 Millionen Interessenten.

Nun wieder zu Wolf Schneider und Speak German. Der deutsche Lehrerverband hat anlässlich des „Unesco Tages der Muttersprache“ Folgendes bemerkt: „Bei der Eindeutschung überflüssiger Anglizismen stößt man hart auf jenen Anglo Jargon, mit dem Schulbürokraten und Erziehungswissenschaftler Lehrer und Schüler überziehen.“
Ich möchte hier nur auf das Download-Wissen, das Just in time – Knowledge, das Life – Long - Learning hinweisen. Ich will aber auch die Existenz von sachlich hervorragend orientierten Pädagogen nicht verschweigen. So schreibt zum Beispiel der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: „Eine Rechtschreibreform bleibt der Kniefall vor der Fortschreitenden Analphabetisierung der Gesellschaft.“ Und weiter: „Die Schule würde gut daran tun, den Schülern bei der offiziellen zulässigen Variantenschreibung die herkömmliche, ausdrucksstärkere und besser lesbare Schreibung zu vermittelt.“ (Siehe ferner: Emmo Diem, Über die Sophistik der Rechtschreibung und die Qual der Zeichensetzung, bei: www.ml-vrb.at )

Manche Leute bringen das Argument vom kulturell unterentwickelten Volk. Sie weisen mit dem Finger auf die Landkarte, wo der von den Taliban gequälte Vielvölkerstaat Afghanistan liegt, und behaupten, dass die Paschtunen nie in der Lage gewesen wären, sich z.B. mit den angrenzenden Persern zu messen. Dazu hätten ihnen die Literatur eines Hafez (arab. Hafis), die Philosophie eines Avicenna (Ibn Sina Abu Ali Al Hussain), die Epen eines Firdausi gefehlt. – Es waren aber die Paschtunen, die heute die größte ethnische Gruppe in Afghanistan bilden und die vor zehn Jahren auf 20 Millionen Menschen geschätzt wurden, nicht immer so minderbemittelt wie heute. Zur Zeit der alten Könige waren sie mit dem Zentrum Kandahar ein dominierendes Staatsvolk. Sie profitierten damals von der Kultur der Perser, hatten aber auch eigene Kunst, Mystik und Literatur. Dh. sie waren einst viel wichtiger als heute. Ich denke nur an Babur, an Ahmed Schah Durrani, Khushal Khan Khattak und Paschto, der im 17. Jahrhundert die Afghanen vereinen wollte, und finde, dass sie kein Beispiel für Rückständigkeit bei regionalen Sprachen und Fehlen einer Einheitskultur bieten. Wenn Sie mich fragen „Was haben die Paschtunen mit den Anglizismen zu tun?“, kann ich nur antworten: „Afghanistan hat zwar das technische und philosophische Rüstzeug des Abendlandes nicht erworben, aber daraus folgt nicht, dass die westlich-amerikanische Einheitskultur so gut ist.“

Übrigens führt nicht jede neue Worttraube der Kids - wie etwa „bleeding cash“ (durch Spekulation gemachtes Geld), das zur „burning rate“ und zu „quick and dirty“ wurde - zu einem Black out, zum Aussetzen der Zündung im Auto. Man sollte über diese sinnlosen Vieldeutigkeiten nachdenken und die Worttümmelei mancher Fremdsprache verhindern.   
«zurück

Emmo Diem