Für manche Menschen ist der griechische Satyros, der in seiner Urform als Mischwesen von Mensch und Ziegenbock mit Hörnern, Ohren, Schwanz und Hufen auftritt, nichts anderes als der Schaitan (arabisch: Teufel), der zum Götzen wird und die Aufgabe hat, die Gläubigen zu verführen.
Für mich offenbart sich der Teufel als Symbol der Rechtschreibung. Sein Schwanz ist der Beistrich, der Gedankenstrich, das Rufzeichen, das Fragezeichen, der Strichpunkt und anderes mehr. Die Erkenntnisse und der Gebrauch der Satzzeichen sind seit langem die Trophäen eines merkwürdigen Problembereiches.
Seit Hieronymus Freyer (1717) haben in bald 300 Jahren 30 Kommissionen die Kreativität des Menschen behindert, denn sie haben uns zu einem Nachdenken über Nebensächlichkeiten gezwungen.
Natürlich weiß ich, dass die Rechtschreibregeln erst seit der Weimarer Verfassung greifen, was jedoch nicht gewährleistet, dass in der ganzen Anlage nicht viel Sophistik steckt. Diese Richtung der Philosophie definiert übrigens Richard von Kienle so: „Sophistik ist ein, durch Scheinbeweise gewonnener Trugschluss.“
Johannes Weinberg sagt in einer klugen Denkschrift dazu Folgendes: „Aus der Schule wissen wir, dass jeder richtig schreiben muss. Schaut ein Kind nur ein paar Häuser weiter, so findet es bereits an einem Laden den Hinweis Heute geschloßen, obwohl man diesen Zustand mit einem doppelten „s“ hinterlassen sollte.“ Bei einem derartigen Verstoß gegen die guten Sitten schreit der eine auf, während der andere die Achseln zuckt und sich damit den 70 Prozent der Menschen anschließt, die „schon wieder eine neue Rechtschreibung“ als total unnötig empfinden. Daraus kann man durchaus ableiten, dass ein Rechtschreib-Diktat für Schüler und Lehrer, die sich erst an den neuen Modus gewöhnen müssen, eine schwere Belastung darstellt.
Dabei hat um 750 n.d.Z. alles sehr brauchbar begonnen. In dieser Zeit entstanden die ersten, handschriftlichen Überlieferungen deutscher Texte. Dann erfand um 1450 Gutenberg den Buchdruck, womit er Wissenschaft und Geschichte weit verbreitete. Um 1534 folgte Martin Luther, der die deutsche Gemeinsprache durch den Abbau von Schreibvarianten und mundartlichen Formen zu einer ersten Hochblüte führte.
Aber hören wir Dr. Weinberg weiter: „Für die meisten Menschen, auch wenn diese nur eine Lehre zu durchlaufen haben, ist eine Deutschprüfung, welche das Rechtschreib-System mit einschließt, der Nachweis für Entfaltungsmöglichkeit und Kreativität.“ Leider schließen sich die meisten Eltern diesem Unsinn an. Leitet man den Grad der Intelligenz nur vom Beherrschen einer Groß- oder Kleinschreibung ab, so wird man ein Problem damit haben, dass viele Menschen nur klein schreiben.
Nehmen wir die Regelungen im Englischen: Das erste Wort des Satzes, die Überschriften und Titeln von Büchern, die Personennamen, die Produktbezeichnungen, die Monate, die Länder, die Nationen, die Sprachen, die Ortsnamen, die Flüsse, die Meere, die religiösen Namen, die Planeten, die Sterne werden groß geschrieben. Und dennoch gibt es Unregelmäßigkeiten, die entweder noch niemanden aufgefallen sind oder die man einfach ignoriert. So finde ich im Internet eine Anfrage: Schreibt man „Story of a little Boy“ in der Form von „Story of a Little Boy“ oder in der Form von „Story Of A Little Boy“? Niemand hat es seit dem 18. April 2007 gewagt, sich dazu fest zu legen.
Das alles erinnert ein wenig an die 613 Gebote und Verbote der orthodoxen Juden für den Alltag, oder an jene Dogmatik in 5 Bänden und 2.654 Seiten, mit der die Theologiestudenten üblicherweise überfordert werden. Ich kann es mir nicht verkneifen, aus der Raritätenkiste der Rechtschreibung und aus dem Irrgarten der Interpunktionen einige Kuriositäten anzuführen. Es wäre zum Beispiel ganz einfach, Beistriche nach der Gewohnheit der Sprechpausen zu setzen. Doch damit würde man sich cirka 30 Seiten an Kasuistik (Lehre von den Einzelfällen) ersparen. So etwas würde Kommissionen um ihr Brot bringen, es würde der angeschlagenen Wirtschaft nicht zu neuen Regelbüchern verhelfen, es wäre für das tägliche Druckereigeschäft eine effektive Einbuße - und doch würde es die Kreativität fördern. Denn während ich – als gequälter Rechtschreiber – über den Fall „x“ und „y“ nachdenken muss, verabsäume ich unterdessen die Erleuchtung für den Fall „z“.
Man hält bekanntlich nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aus logischen Gründen das Geschäftsessen als „business lunch“ klein. Hingegen hat man mit dem „Status quo“ einen offensichtlichen Verstoß gegen die lateinische Kleinschreibung geschaffen. Der indische Tee ist merkwürdigerweise geschrumpft, während die „Spanische Reitschule“ groß geworden ist. Das alles dürfte mit der Fremdenverkehrswerbung zusammenhängen.
Bemerkenswert finde ich nicht zuletzt die Beistrich-Regelung bei meinem Onkel. Da heißt es: „Unser Onkel, ein bekannter Tierfreund, sowie seine zehn Katzen, haben ein angenehmes Leben.“ Man soll aber in diesem Fall bei „und“ und bei „sowie“ keinen Beistrich setzen, weil der Mensch und die geliebten Bestien keine gleichrangigen Lebewesen darstellen. Ich sehe schon: In Zukunft werde ich für das Schreiben einer Komödie den Rechtsanwalt aufsuchen, um nicht gegen die Regeln und Befugnisse der Rechtschreibung zu verstoßen. ««
Emmo Diem