DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Dystopie der Stadt

Bürotürme, fünfmal so hoch wie die höchsten Mietshäuser, ragen in den Himmel. Stadtautobahnen führen an Mietshäusern und an Hochhäusern in der Höhe des vierten Stockes an Fenstern vorbei. Diese dicken Betonbänder verdecken die normalen Straßen, die dadurch im Schatten liegen. Wo früher kleine Parks, Bauminseln, lagen, endet jetzt das Gestänge von Metallstiegen. Diese führen bei einer Fabrik oder bei einem alten Mietshaus bis zur Dachrinne hinauf. Auf den Hochstraßen stehen Auto an Auto aufgereiht im Stau. Auf den Hochbahnen fahren Züge, gestützt durch Stelzen, durch die Stadt. Man sieht viel Gerät, aber keine Menschen. Die Straßen sind verdeckt, die Fenster geschlossen. Bei Niederdruck sinken von den Hochstraßen die Abgase auf die normalen Straßen hinunter. In der Nacht rotieren die Kegel starker Scheinwerfer reihum zwischen den Hochhäusern.

So ähnlich stellt sich der Betrachter die Stadt der Zukunft vor. Er kennt „Metropolis“ (von 1926), „Blade Runner“ (von 1982), und vielleicht auch den Film „The Purge“ (von 2013). Wenn Letzteres der Fall ist, kann er sich auch die Sirenen vorstellen, die hier für eine solche Stadt den Anfang und das Ende einer bestimmten Zeitspanne verkünden. Mit besagten Bildern vor Augen zweifelt der Betrachter nicht, dass niemand in der Dystopischen Stadt, dieser Wüste aus Glas, Stahl und Beton, mit der Natur im Einklang lebt. Die Menschen gehen in der Stadt zur Arbeit, sie ruhen in ihr aus, sie kämpfen in ihr, sie sterben in ihr. Die Natur vermissen sie dabei nicht. Sie sind geteilt in Arme und Reiche, die sich gerade in der dicht gedrängten Stadt selten oder nie begegnen. Die Polizei, die sich mit den Kriminellen zahlenmäßig die Wage hält, überwacht die Regeln entweder unmenschlich streng oder sehr nachlässig oder gar nicht. Eine zynisch – menschen- verachtende Regierung (von der in der Fantasie immer unklar ist, wie sie in die Höhe kam) unterwirft sich die Masse der Armen und des Mittelstands durch immer neue und raffiniertere Methoden.

Schatz 1930

Das sind grausame und hinterlistige Methoden, die unter „alternative Fakten“ und „größtmögliche Freiheit“ fallen. In „Metropolis“ baut der Roboter – Erfinder im Auftrag des Stadtgründers eine menschenähnliche Mensch – Maschine. In „Blade Runner“ ist diese Maschine schon im Umlauf. Sie heißt dort „Replikant“ und wird, sobald sie übermütig wird, von Roboter – Jägern getötet. Warum werden Fake – Menschen ins soziale Leben hinein gebracht? Sie sollen die Einzelmenschen verwirren und gegeneinander aufhetzen. Das gelingt ihnen erstaunlich gut. In „The Purge“ wird die Aufmerksamkeit ganz auf das Motiv gelenkt – hier fehlen die Roboter. Die Regierung hat alle Verbrechen einschließlich Mord für eine Nacht der „Säuberung“ straffrei gestellt. Jetzt macht sich Amerika von 19 Uhr bis 7 Uhr früh auf die Socken, um allen Fremden, aber auch allen Nachbarn etwas Böses anzutun. Die Leute – im Film – merken nicht, dass die Regierung sie für dumm verkauft. Sie dürfen in dieser Nacht weder hohe Beamte noch Superreiche attackieren. Diese werden von der Polizei weiterhin und ganz besonders geschützt.

Es geht um die listige Zerstörung des Soziallebens. Ohne diese Art von Destruktion ist die totale Herrschaft über eine Bevölkerung eigentlich nicht möglich. Zur Herstellung und Absicherung von Macht wird die technisch hergestellte Täuschung verwendet. Zu Beginn achten die Regierenden auch darauf, dass der Staat schrumpft, als Sozialstaat und als größter Fördergeber, und dass sein Gewaltmonopol diskret verschwindet. Die Polizei erscheint entweder immer zu spät oder sie reagiert immer auf die Falschen oder sie erscheint überhaupt nicht. Mit der Logik des Wilden Westens, wo sich der Einzelne selber zu schützen hatte, hat die Dystopische Stadt nichts zu tun. Die Polizei ist nach wie vor gegeben. Sie handelt nur unerwartet und für die Betroffenen enttäuschend und unerklärbar. Durch Ordnung und Reinheit wird totale Herrschaft gerechtfertigt. (In den USA verlangt heute eine Handvoll Superreicher danach. Sie hat sich mit der Tech – Industrie, die Steuern fürchtet, und mit den religiösen Fundis, die eine bestimmte Kultur verabscheuen, listig verbündet.)

Man beachte auch: Die Dystopische Stadt ist nicht alt. Man könnte glauben, dass sie im 19. Jahrhundert wurzelt. Das ist falsch. Sie liegt nicht in der Zeit des Umbaus von London, nicht im Paris des Baron Haussmann, nicht im Wien der Ringstraße und nicht in der Zeit der Sanierung von Berlin. Sie liegt in der Spanne zwischen 1900 und 1930. Zum Beispiel der Maler Otto Rudolf Schatz zeugt davon, dass die Fantasien der künftigen Stadt ursprünglich nicht auf Untergang, sondern auf Neues Glück hinaus liefen. Schatz malte und stach Reklamebilder für das Rote Wien. Er stellte die steinernen Orte für Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Mobilität als die lobenswerte Welt des Neuen Menschen dar. Die verdichteten Bauwerke in seinen Bildern preisen die Lebenserleichterungen für die Armen und die Mittellosen der Stadt. Kommunales Glück wird als das Ziel des Ganzen ausgewiesen, das Unnatürliche daran ist nicht bewusst.

Otto Rudolf Schatz, Rotes Wien
Otto Rudolf Schatz, Rotes Wien

Die Dystopische Stadt hat allzu viele Bauten in ihrem Bereich. Kein Bauwerk bringt das andere zur Geltung. Dieses Übereinander und Ineinander der Bauwerke schließt Schönheit aus. Man kann sogar sagen: In dieser Stadt haben die Menschen nicht nur ihr Recht auf Schönheit, auch auf Ordnung verloren. In „Metropolis“ geht es um die Beherrschung von Menschen, die an lebensgefährlichen Maschinen arbeiten. Auch in „Blade Runner“ ist Ordnung nicht relevant. Die Reichen sind bereits geflüchtet, sie wohnen auf anderen Sternen, und die in der Stadt verbliebenen Machthaber wollen nur die Überwältigung der Menschen durch die Roboter verhindern. In „The Purge“ ist die verordnete Nacht eine Nacht der Anarchie und der Rechtlosigkeit. - Weil also Ordnung nicht dominiert, sollte man zwischen der Dystopischen Stadt und dem KZ keinen Zusammenhang herstellen. Die gitterförmige Anlage amerikanischer Städte ist kein zureichendes Argument. Außerdem sieht man auf den ersten Blick: Eine Moderne Stadt ist nicht flach gebaut und ein Konzentrationslager ist nicht vertikal errichtet.

Der Weg zur Dystopischen Stadt führt nicht über Ordnung, sondern über die Verwahrlosung des Menschen im Rahmen von sich erneuernder Technik. Doch es kommt nicht mehr Bequemlichkeit heraus. In „Metropolis“ dominiert die futuristisch gesehene Maschine, ein zugleich herrliches und tödliches Gerät. In „Blade Runner“ ist schon alles künstlich (die Natur wurde durch Technik ersetzt) und das Hauptproblem der Menschen ist, dass sie die Roboter als solche nicht schnell genug erkennen. In „The Purge“ bricht die Anarchie mitten in der Welt der Sicherheitstechnik aus. Die Attackierten sind ausgerechnet die Familie, die durch Sicherheits- Anlagen reich geworden ist. Der Vater beobachtet durch seine Kameras die Ereignisse rund um sein Haus. Auch als der Strom ausfällt, funktionieren die Kameras noch, denn er hat ein Aggregat. Irgendwann bricht der Mob (er ist maskiert) in das Haus ein. Die Hausbewohner wären aber keine Amis, hätten sie keine Lang- und Kurzwaffen bei der Hand. Ein Gemetzel beginnt, bei dem auch Frau und Tochter nicht abseits stehen wollen. (Diese barbarische Fantasie hat seit den Anfängen des Kinos speziell die amerikanischen Filme dramatisiert.)

Die Moderne Stadt hat durch Gier, Bequemlichkeit, Selbstdarstellung und Steigen der Bodenpreise ihr Höhenwachstum sehr gesteigert. Dystopisch ist diese Entwicklung noch nicht. Wenn aber auf einer Messe in Las Vegas ein Roboter einen anderen Roboter zu Boden boxt („Consumer Electronic Show“) ist das eine sinnlose Ablenkung vom Menschen. Man kann einschränkend sagen, dass die Blechtrotteln in Las Vegas denen von Einst immer noch ähnlich schauen. Man erschrak jedoch echt über den Stromausfall in Berlin, Anfang dieses Jahres. Man erschrak auch über das (zum Teil maskierte) Auftreten der Behörde ICE in Minneapolis. Denn solche Ereignisse weisen den Weg zur Dystopischen Stadt. In dieser kommen nicht nur die Natur, nicht nur das Sozialleben, nicht nur die Humanität, sondern sogar die Freiheit nicht mehr vor. Diese Neue Welt ist charakterisiert durch Technikgläubigkeit, Verwahrlosung des Menschen und Re-Feudalisierens der Gesellschaft. Überspitzt gesagt: Bedrohlich ist jeder „Stadtvater“, der der Stadtbevölkerung ein schnelleres Internet schenken will. Bedrohlich ist jeder Smartphone – Nutzer, der auf dem Weg durch die Stadt keine Außenwelt mehr erlebt. Und bedrohlich sind reiche Geldsäcke, die die Gesellschaft primär deshalb umbauen wollen, weil sie keine Steuern zahlen wollen. (O. R. Schatz, 1930)


© M.Luksan, Februar 2026

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