Bürotürme, fünfmal so hoch wie die höchsten Mietshäuser, ragen
in den Himmel. Stadtautobahnen führen an Mietshäusern und an
Hochhäusern in der Höhe des vierten Stockes an Fenstern vorbei.
Diese dicken Betonbänder verdecken die normalen Straßen, die
dadurch im Schatten liegen. Wo früher kleine Parks, Bauminseln,
lagen, endet jetzt das Gestänge von Metallstiegen. Diese führen
bei einer Fabrik oder bei einem alten Mietshaus bis zur Dachrinne
hinauf. Auf den Hochstraßen stehen Auto an Auto aufgereiht
im Stau. Auf den Hochbahnen fahren Züge, gestützt durch Stelzen,
durch die Stadt. Man sieht viel Gerät, aber keine Menschen. Die
Straßen sind verdeckt, die Fenster geschlossen. Bei Niederdruck
sinken von den Hochstraßen die Abgase auf die normalen Straßen
hinunter. In der Nacht rotieren die Kegel starker Scheinwerfer reihum
zwischen den Hochhäusern.
So ähnlich stellt sich der Betrachter die Stadt der Zukunft vor. Er kennt
„Metropolis“ (von 1926), „Blade Runner“ (von 1982), und vielleicht
auch den Film „The Purge“ (von 2013). Wenn Letzteres der Fall ist,
kann er sich auch die Sirenen vorstellen, die hier für eine solche
Stadt den Anfang und das Ende einer bestimmten Zeitspanne
verkünden. Mit besagten Bildern vor Augen zweifelt der Betrachter
nicht, dass niemand in der Dystopischen Stadt, dieser Wüste
aus Glas, Stahl und Beton, mit der Natur im Einklang lebt. Die Menschen
gehen in der Stadt zur Arbeit, sie ruhen in ihr aus, sie kämpfen in ihr,
sie sterben in ihr. Die Natur vermissen sie dabei nicht. Sie sind geteilt
in Arme und Reiche, die sich gerade in der dicht gedrängten Stadt
selten oder nie begegnen. Die Polizei, die sich mit den Kriminellen
zahlenmäßig die Wage hält, überwacht die Regeln entweder unmenschlich
streng oder sehr nachlässig oder gar nicht. Eine zynisch – menschen-
verachtende Regierung (von der in der Fantasie immer unklar ist,
wie sie in die Höhe kam) unterwirft sich die Masse der Armen und
des Mittelstands durch immer neue und raffiniertere Methoden.

Das sind grausame und hinterlistige Methoden, die unter „alternative
Fakten“ und „größtmögliche Freiheit“ fallen. In „Metropolis“
baut der Roboter – Erfinder im Auftrag des Stadtgründers eine
menschenähnliche Mensch – Maschine. In „Blade Runner“ ist
diese Maschine schon im Umlauf. Sie heißt dort „Replikant“ und
wird, sobald sie übermütig wird, von Roboter – Jägern getötet.
Warum werden Fake – Menschen ins soziale Leben hinein
gebracht? Sie sollen die Einzelmenschen verwirren und
gegeneinander aufhetzen. Das gelingt ihnen erstaunlich gut. In
„The Purge“ wird die Aufmerksamkeit ganz auf das Motiv gelenkt –
hier fehlen die Roboter. Die Regierung hat alle Verbrechen einschließlich
Mord für eine Nacht der „Säuberung“ straffrei gestellt. Jetzt macht
sich Amerika von 19 Uhr bis 7 Uhr früh auf die Socken, um allen
Fremden, aber auch allen Nachbarn etwas Böses anzutun. Die
Leute – im Film – merken nicht, dass die Regierung sie für dumm
verkauft. Sie dürfen in dieser Nacht weder hohe Beamte noch
Superreiche attackieren. Diese werden von der Polizei weiterhin
und ganz besonders geschützt.
Es geht um die listige Zerstörung des Soziallebens. Ohne diese
Art von Destruktion ist die totale Herrschaft über eine Bevölkerung
eigentlich nicht möglich. Zur Herstellung und Absicherung
von Macht wird die technisch hergestellte Täuschung verwendet.
Zu Beginn achten die Regierenden auch darauf, dass der Staat
schrumpft, als Sozialstaat und als größter Fördergeber, und
dass sein Gewaltmonopol diskret verschwindet. Die Polizei
erscheint entweder immer zu spät oder sie reagiert immer
auf die Falschen oder sie erscheint überhaupt nicht. Mit der Logik
des Wilden Westens, wo sich der Einzelne selber zu schützen
hatte, hat die Dystopische Stadt nichts zu tun. Die Polizei
ist nach wie vor gegeben. Sie handelt nur unerwartet und
für die Betroffenen enttäuschend und unerklärbar. Durch
Ordnung und Reinheit wird totale Herrschaft gerechtfertigt.
(In den USA verlangt heute eine Handvoll Superreicher
danach. Sie hat sich mit der Tech – Industrie, die Steuern
fürchtet, und mit den religiösen Fundis, die eine bestimmte Kultur
verabscheuen, listig verbündet.)
Man beachte auch: Die Dystopische Stadt ist nicht alt. Man könnte
glauben, dass sie im 19. Jahrhundert wurzelt. Das ist falsch.
Sie liegt nicht in der Zeit des Umbaus von London, nicht im Paris des
Baron Haussmann, nicht im Wien der Ringstraße und nicht in der Zeit
der Sanierung von Berlin. Sie liegt in der Spanne zwischen 1900 und 1930.
Zum Beispiel der Maler Otto Rudolf Schatz zeugt davon, dass die
Fantasien der künftigen Stadt ursprünglich nicht auf Untergang, sondern
auf Neues Glück hinaus liefen. Schatz malte und stach Reklamebilder
für das Rote Wien. Er stellte die steinernen Orte für Wohnen,
Arbeiten, Freizeit und Mobilität als die lobenswerte Welt des
Neuen Menschen dar. Die verdichteten Bauwerke in seinen Bildern
preisen die Lebenserleichterungen für die Armen und die Mittellosen
der Stadt. Kommunales Glück wird als das Ziel des Ganzen ausgewiesen,
das Unnatürliche daran ist nicht bewusst.

Otto Rudolf Schatz, Rotes Wien
Die Dystopische Stadt hat allzu viele Bauten in ihrem Bereich. Kein
Bauwerk bringt das andere zur Geltung. Dieses Übereinander und
Ineinander der Bauwerke schließt Schönheit aus. Man kann sogar sagen:
In dieser Stadt haben die Menschen nicht nur ihr Recht auf Schönheit,
auch auf Ordnung verloren. In „Metropolis“ geht es um die Beherrschung
von Menschen, die an lebensgefährlichen Maschinen arbeiten.
Auch in „Blade Runner“ ist Ordnung nicht relevant. Die Reichen sind
bereits geflüchtet, sie wohnen auf anderen Sternen, und die in der
Stadt verbliebenen Machthaber wollen nur die Überwältigung der Menschen
durch die Roboter verhindern. In „The Purge“ ist die verordnete Nacht
eine Nacht der Anarchie und der Rechtlosigkeit. - Weil also Ordnung
nicht dominiert, sollte man zwischen der Dystopischen Stadt und dem KZ
keinen Zusammenhang herstellen. Die gitterförmige Anlage amerikanischer
Städte ist kein zureichendes Argument. Außerdem sieht man auf den
ersten Blick: Eine Moderne Stadt ist nicht flach gebaut und ein
Konzentrationslager ist nicht vertikal errichtet.
Der Weg zur Dystopischen Stadt führt nicht über Ordnung, sondern
über die Verwahrlosung des Menschen im Rahmen von sich
erneuernder Technik. Doch es kommt nicht mehr Bequemlichkeit
heraus. In „Metropolis“ dominiert die futuristisch gesehene Maschine,
ein zugleich herrliches und tödliches Gerät. In „Blade Runner“ ist
schon alles künstlich (die Natur wurde durch Technik ersetzt) und
das Hauptproblem der Menschen ist, dass sie die Roboter als
solche nicht schnell genug erkennen. In „The Purge“ bricht die
Anarchie mitten in der Welt der Sicherheitstechnik aus. Die
Attackierten sind ausgerechnet die Familie, die durch Sicherheits-
Anlagen reich geworden ist. Der Vater beobachtet durch seine
Kameras die Ereignisse rund um sein Haus. Auch als der Strom
ausfällt, funktionieren die Kameras noch, denn er hat ein Aggregat.
Irgendwann bricht der Mob (er ist maskiert) in das Haus ein. Die
Hausbewohner wären aber keine Amis, hätten sie keine Lang- und
Kurzwaffen bei der Hand. Ein Gemetzel beginnt, bei dem auch Frau
und Tochter nicht abseits stehen wollen. (Diese barbarische Fantasie
hat seit den Anfängen des Kinos speziell die amerikanischen Filme
dramatisiert.)
Die Moderne Stadt hat durch Gier, Bequemlichkeit, Selbstdarstellung
und Steigen der Bodenpreise ihr Höhenwachstum sehr gesteigert.
Dystopisch ist diese Entwicklung noch nicht. Wenn aber auf einer
Messe in Las Vegas ein Roboter einen anderen Roboter zu Boden
boxt („Consumer Electronic Show“) ist das eine sinnlose Ablenkung
vom Menschen. Man kann einschränkend sagen, dass die Blechtrotteln
in Las Vegas denen von Einst immer noch ähnlich schauen. Man
erschrak jedoch echt über den Stromausfall in Berlin, Anfang dieses
Jahres. Man erschrak auch über das (zum Teil maskierte) Auftreten
der Behörde ICE in Minneapolis. Denn solche Ereignisse weisen
den Weg zur Dystopischen Stadt. In dieser kommen nicht nur die Natur,
nicht nur das Sozialleben, nicht nur die Humanität, sondern sogar
die Freiheit nicht mehr vor. Diese Neue Welt ist charakterisiert durch
Technikgläubigkeit, Verwahrlosung des Menschen und Re-Feudalisierens
der Gesellschaft. Überspitzt gesagt: Bedrohlich ist jeder „Stadtvater“,
der der Stadtbevölkerung ein schnelleres Internet schenken will.
Bedrohlich ist jeder Smartphone – Nutzer, der auf dem Weg durch
die Stadt keine Außenwelt mehr erlebt. Und bedrohlich sind reiche
Geldsäcke, die die Gesellschaft primär deshalb umbauen wollen,
weil sie keine Steuern zahlen wollen.
(O. R. Schatz, 1930)
© M.Luksan, Februar 2026
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