Ein Politiker will Flüchtlinge, die im Gastland kriminell wurden,
in ein Land außerhalb der EU abschieben. Er hat weder
das fremde Land noch die Gesetze der EU auf seiner Seite. Ein
anderer Politiker will das Steigen der Lebensmittelpreise in
Österreich beenden. Ihm fehlen die Sanktionen, den sogenannten
“Österreich – Aufschlag“ für Importwaren zu bestrafen. Mit
bloßen Absichtserklärungen traten demnach Politiker in die
Öffentlichkeit. Warum? Um ihren Popularitätswert zu vergrößern.
Sie gaben vollmundig eine Absicht kund, wohl wissend, dass sie im
Bereich der Realitäten – zunächst – nichts bewirken können. Es
genügte ihnen, in den Seelen ihrer Wähler etwas zu bewirken. Einem
Teil der Willensbekundungen heutiger Politiker folgen demnach
keine konkreten Handlungen. Speziell der absurde Trump
fällt unter dieses Phänomen. Er hält allerdings so viel Macht in
seinen Händen, dass er das Gewünschte erpressen kann (er
verbindet alles mit allem).
Trump behauptete bekanntlich, dass er den Ukraine – Krieg
innerhalb eines Tages beenden könnte. Das haben nur die
Dümmsten geglaubt, doch in den Ohren der Meisten war es
die gern gehörte Erklärung einer Entscheidung zum Frieden.
Es war das richtige Wort im richtigen Moment, von der aktuellen
Politik noch weit entfernt. Die alten Politiker waren anders.
Die Churchill, Roosevelt und De Gaulle kündigten nichts an,
was sie dann nicht auch machten, und sie zeigten
selbst bei Kriegseintritten und bei Notstandsgesetzen
nicht viel Gefühl. Der Politiker von heute verwendet mehr
Zeit für kalkulierte Selbstdarstellungen als für konkrete
Verhandlungen und Entscheidungen. Durch die vielen
Selbstdarstellungen wird er nahbar. Zum Menschen wie
Du und Ich. ZB. Orban in Ungarn und Kurz in Österreich
haben ihre Gefühle regelrecht inszeniert. Sie haben Widerwille,
Ungeduld, Ärger, Sorge etc. in ihren Reden möglichst glaubhaft
und immer wieder dargestellt.
Es sieht wie Fortschritt aus, wenn zwischen dem Politiker
und seinem Wähler eine menschliche Beziehung entsteht. In
Wahrheit ist das ein Fake. Und die Qualität der Politik sinkt
ab. Der heutige Politiker spaltet sich auf: in den, der ein
Mensch ist (der einen Menschen spielt), und in den, der
in Hinterzimmern die Entscheidungen trifft. Heute wie einst
sind die Arkana der Macht für die Öffentlichkeit abgedeckt.
Deshalb wissen die Bevölkerungen nach wie vor nicht,
welche Entscheidung der Experte, der Lobbyist oder der
Mann vom Geheimdienst an Stelle des gewählten Politikers
getroffen hat. Von den Historikern wissen wir allerdings,
dass die Entscheidungsfreudigkeit der alten Politiker
größer war als die der heutigen.
 Politiker im Lokal 1977, Kurt Bergmann und Co.
In den Hinterzimmern geschieht die eigentliche Politik, doch
auf den Schautanz der Politik wird nicht verzichtet. In Rundfunk,
Zeitung, Internet und Auftritt werden Konflikte, Forderungen und
Stimmungen moderiert und gestaltet. Durch den Politiker,
der ein Mensch wie Du und Ich ist und unbedingt wieder
gewählt werden will. Die alte Politik behauptete die Sorge
um das Ganze, die heutige tut es immer noch. Den
Wahrheitsgehalt dieser Behauptung kann aber die
Bevölkerung nicht überprüfen, weil die Arkana total
verdeckt sind. Es bleibt offen, ob der staatsmännische
Politiker eine Entscheidung für das Ganze getroffen
hat oder der Lobbyist. D. Trump ist hier wieder eine Ausnahme.
Er sagt manchmal ohne jedes Schamgefühl dazu, dass die
Entscheidung für Amerika auch seinem eigenen Konzern
nutzen müsse.
Die Wirtschaft wirkt heute auf die Politik ungut ein. Doch an sich hat
die Politik auch heute noch die Kraft, eine „entfesselte Wirtschaft“
zu verhindern. ZB. als Renault in China produzieren wollte,
sagten die Politiker in Frankreich: Wenn sie das tun, sind sie
für uns keine Franzosen mehr! - Auf diese Weise bleibt die Nation
eine Trumpfkarte in der Hand des Politikers. Er darf sie ausspielen.
Wer klagt, dass nur nationalisierende Politiker noch gewählt werden,
teilt seinen Zuhörern nichts Neues mit. Das war nie anders.
De Gaulle und Adenauer betonten einst die nationale Demokratie
und förderten gleichzeitig das Entstehen der internationalen
Demokratien. Das eine schließt das andere nicht aus. Freilich
schwärmten Ideologen a la Carsten Bresch voreilig
von der Zerstörung der Nation als von der „Zerstörung aller
Einzelwerte“.
Die Sorge um die Nation wird als politisches Mittel eingesetzt.
Der normale Staatsbürger ist stets aufs Neue überrascht,
dass ehemalige Regierungschefs, Spitzen einer nationalen
Demokratie des Westens, plötzlich die Regierung von Russland
oder die Regierung von Aserbeidschan oder die deutsche
Atomlobby beraten. Der Einzelne wundert sich, dass
es keinen Verhaltenskodex gibt. Immerhin stehen Geheimnisse
auf dem Spiel. Die Industrie hält so einen Kodex für ihre ehemaligen
Manager parat. Diese dürfen nach Ende ihrer Tätigkeit erst
zeitverzögert in einen anderen Konzern eintreten. An der
fragwürdigen Beratertätigkeit sieht man klar den aufgelegten
Schwindel. Die Sorge um die Nation kann dem Spitzenpolitiker
nicht den Schlaf geraubt haben kann, wenn er sein Knowhow
betreffend das politische Hinterzimmer seines Herkunftslandes
an einen Diktator oder an einen TNC wie nichts verkauft.
Mit dem Politiker hat sich auch der Staatsbürger verändert.
Dieser nimmt seine Rechte und Pflichten weniger ernst als früher
und er will mit seiner Wahl weniger den Rahmen einer ganzen
Politik, als einzelne, ihm persönlich wichtige Punkte bestimmen.
Er weiß nicht, ob diese einander nicht widersprechen, weil
sie so konträr sind. Er hat einfach Vorlieben, die sollen realisiert
werden. Es soll z.B. keine Einwanderung geben und auf der
Autobahn soll er 140 fahren dürfen. Oder umgekehrt, es
sollen weniger Straßen gebaut werden und ein Migrant soll
die Staatsbürgerschaft in kürzerer Zeit erhalten. Der Jargon
des Marktes gibt ihm Recht, zumal der Politiker selber die
Programmpunkte isoliert anbietet. Der Jargon der Wirtschaft
ist in die staatlichen Bereiche eingedrungen. Aus diesem
Grund ist z.B. ein Büro im Gemeindeamt keine Amtsstube
mehr, sondern ein „Bürgerbüro“, und wird die Arbeit nicht
mehr durch das Arbeitsamt, sondern durch ein „Jobcenter“
vermittelt.
Aufhebung von Hierarchie ist dadurch nicht geschehen, es
trat nur der Kunde an die Stelle des Staatsbürgers. Der Kunde
ist ungeduldiger und sprunghafter als der rationale Bürger,
erhöht aber trotzdem den Druck auf den Politiker nicht.
Das Gegenteil tritt in der Regel ein. Durch den Wählerkunden
wird die Tagespolitik vermehrt und der Politiker wendet sich
von langfristigen Zielen ab. Die Gesellschaft versinkt in Gegenwart.
S. Kurz stellte alle vierzehn Tage durch Umfragen die Stimmung
seiner Wähler fest. Auf die Stimmung stimmte er seine
Selbstdarstellungen ab. Politik und Medien kooperierten eng,
wodurch einerseits die Abhängigkeit des Politikers von
Medien und andererseits das Ende der „Vierten Macht“
(Macht der Medien) sichtbar wurde.

Politiker im Lokal 2010, Karl - Theodor Guttenberg und
Ehefrau.
Der heutige Politiker geht in der Regel über sein Wahlprogramm
hinaus und spricht tief liegende Kundenwünsche an. Der Kunde
von Politik hält sich gern für wichtig, für informiert, für anspruchsvoll
usw. Der Politikverkäufer kennt diese Eigenschaften gut.
Er reizt sie auf. Der Kunde wird angenehm berührt und das
Gefühl, jemand zu sein, auf den der Politiker hört, beeinflusst
die Wahlentscheidung mit. Das Aufreizen von persönlichen
Eigenschaften hat die alte Politik kaum gemacht. Besseres
Leben für alle, Unabhängigkeit des Landes, Größe der
Nation sind so große Ziele, dass im Vergleich dazu die
Wähler und die Politiker kleine Größen sind. Die Faschisten
bildeten und bilden hier die Ausnahme. In ihrer Schwindelwelt
wird das Ziel nicht entworfen und erreicht, sondern der
Führer – Politiker verkörpert es (nimmt es vorweg).
Der Demokratie – Abbau (genauer: die hybride Schwächung der
diskursiven Demokratie des Westens auch durch Technologie)
wird aktiv von Populisten betrieben. In der Reihe der heutigen
Politiker sind das jene, die am Meisten für die Selbstdarstellung
tun. Sie sind aber auch die, die das Ziel der Politik, vager
denn je, wieder einführen. In demokratischen Gesellschaften
bringen sie sich in die Höhe, um das Ganze zu retten. Dafür
nehmen sie sich das Recht, Teile des Ganzen, ihre Gegner,
völlig auszuschalten. Die Gegner der Populisten sind nachlässig.
Sie unterlassen es, die Logik der Faschisten detailreich und
unablässig zu verdeutlichen. Die Faschisten benötigen die
Demokratie, um die Demokratie abzuschaffen, und sie bringen
nur eine einzige Wirtschaft zustande: die Kriegswirtschaft.
Es ist dem Vernünftigen nicht verständlich, wieso über diese
beiden Punkte nicht permanent gesprochen wird. Der
Faschist verliert letztlich immer. Er kann seine Kriegsordnung in
die Friedensordnung nicht zurückführen, ohne dass vorher ein
Letalschaden entstand. An der Bevölkerung.
Die Struktur von Politik soll in den Demokratien des Westens
erhalten bleiben. Warum versucht man nicht, die Qualität von
Politik anzuheben? Wenn das Gros der Einzelnen aus Menschen
mit wenig Bildung und wenig Nachdenken besteht, wenn ferner
der Einzelne immer weniger Macht in Händen hält, und wenn
schließlich die Demokratie mehr ein Ideal als eine Realität ist,
braucht es den fähigen Politiker. Dieser Mensch macht
dann die Dinge, die der Wähler nicht selber tun kann. Sogar
ein Vorbild könnte der fähige Politiker sein. Die Intimität
von Ich und Du müsste ein heutiger Politiker dann nicht
mehr vortäuschen.
© M.Luksan, Dezember 2025
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