DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Poesie, die fließt, und Poesie, die krampft

Nicht nur durch Vergleich, auch durch Weglassung gibt es Poesie. Die Ideologen der Moderne haben den Vergleich lieber, weil er vom Raum und von der Zeit der Dinge absieht, die verglichen werden. Das Gefühl für Zeitablauf wird bei der ersten Poesie - Methode geschwächt. Bei der Weglassung von Wörtern tritt hingegen Linearität (die Zeitlinie) hervor. In der Regel bedienen sich die Autoren und Autorinnen beider Methoden in einem Text, und wenn sie das tun, entsteht im Text ein synchron – diachrones System. Dieses erleichtert zwar nicht das Denken, aber sehr wohl den Kunstgenuss. Der Text wird als wohl gefügt und als natürlich erlebt, obwohl er etwas Künstliches ist.

Zitat Schellong A

Mein Papa hat in seinem Leben vielleicht dreitausend Worte gesprochen. Ungefähr die Hälfte davon waren nicht seine eigenen. „Hey, wie wär´s, wenn ich dich mal zum Essen ausführe? Du wirst sehen, ich bin kein übler Kerl.“ Das war der erste Satz, den er zu meiner Mutter sagte. Eigentlich sagte ihn J.R. Ewing in Dallas. Papa hat ihn sich gemerkt. Mama benannte uns nach Figuren aus dieser Serie. Dazu die Serien Schwarzwaldklinik, Tatort, Lindenstraße. Die einzige Verlässlichkeit in meiner Kindheit waren die Toten im „Tatort“ und die Torten am Ende jeder Traumschifffolge.

Diese Sätze aus dem Text „Wir, die Kabeljau – Kinder“ von Jasmin Schellong sind trotz der Aussparungen ohne Zeitlinie. Sie folgen ruhig und verständlich hintereinander. Durch den Konnex von Fernsehserie und genormter Sprache sind sie satirisch gebrochen. Der letzte Satz ist so stark pointiert, dass er von einem Kabarettisten stammen könnte.

Zitat Schellong B

Daheim herrschte nicht nur die Stille, sondern auch die Taubheit. Kein Körperkontakt. Wenn wir husteten, rieb uns Papa mit Wick Vapo Rub ein. Das war unser einziger, engerer Kontakt mit ihm. Mama drückte uns jeden Morgen orangefarbene Multivitamin - Lutschbären in den Mund. Einmal streckte ich ihr dabei die Zunge entgegen, um ein Stück ihres Nagels zu schmecken. Sie zog wütend ihre Hand zurück und versuchte, mir mit der anderen eine Ohrfeige zu geben. Es schien dabei die Sonne durch ihre Ohren, was mir die Angst nahm.

Die Autorin macht nicht nur eine schreckliche Familie deutlich, sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass es sie gab. Trotz Zuspitzung sind das keine Figuren, die zur Gänze der Fantasie entstammen. Die Eigennamen bestärken den Eindruck. Sie künden von dem, was ein Autor oder eine Autorin bei einem guten Text nie erfinden kann. Nicht „die“ Realität ist gemeint, sondern die unzähligen Realitäten. Es ist deshalb sachlich falsch, über den poetischen Text zu sagen, dass er sich auf nichts anderes bezieht als auf sich selber.

Zitat Schellong C

Der einzige Mensch, der regelmäßig mit uns sprach, war unser Tiefkühl-Lieferant Herr Holz. Für ihn machten wir uns hübsch, zogen unsere beste Kleidung an und malten Bilder von ihm und seinem Lieferwagen. Herr Holz hielt sich in unserer Wohnung immer am längsten auf. Er war der erste Mensch, der mich umarmte. Einen Menschen zu umarmen, erfordert in etwa denselben Armabstand wie das Lenkrad eines Tiefkühl-Autos zu umfassen.

Jasmin Schellong verbindet die Gefühlsarmut innerhalb der Familie mit der gelieferten Tiefkühlkost. Deshalb wird auch der Job des weiblichen Ich im weiteren Verlauf des Textes nicht nur eine Altenpflegerin, sondern auch eine Tiefkühl-Lieferantin sein.

Jasmin-Schellong
Jasmin Schellong.

So schrecklich die Sachverhalte auch sind, der Leser erlebt hier den schönen Schein. Durch die Gefügtheit der Sätze und durch die Verständlichkeit ihrer Abfolge. Der Leser empfindet das als natürlich, obwohl der ganze Text künstlich ist. Die Ideologen der Kunstmoderne lehnen den schönen Schein schroff ab. Sie wollen die Künstlichkeit des Künstlichen betonen. Schluss mit dem Schein des Satzes, Schluss mit dem Schein des Bildes, Schluss mit dem Schein der Musik usw. Nicht nur in der Literatur, aber speziell dort, stehen dann die Werke ohne Schein banal und lächerlich da. Deshalb werden Teile des Scheins zur abstrakt wirkenden Werkstruktur wieder hinzugefügt. Es entsteht das ungute Weder Noch. Weder sieht man die Machart voll und ganz, noch gibt es den schönen Schein.

Zitat El Menges

stärker ausgesprochen als knochen/ befürchten zuckende pfoten im schlaf/ und blau klirrende fassaden/ klingt so ein narrativ?/ operiert so die stadt am offenen sommer?/ warnleuchten blinken wie erinnerungen/ nie ganz sicher sein, ob man wirklich gemeint war, was den raum im zimmer aufspannt/ ein katalog aus sirenen/ der versuch nachzuahmen/ wie der tag auf deinem schneidbrett liegt/ hast du die fläche eines menschen je ins verhältnis gesetzt? / kein gewitter heißt nähe/ ist erschreckend berechenbar/ möbel haben immer schon einfachere linien gehabt

Der erste Eindruck ist die Minderwertigkeit des Ganzen. Die Sätze sind nicht ausformuliert. Sie fügen sich nicht aneinander. Jeder Satz meint einen anderen Sachverhalt. Die Interpunktionszeichen fehlen. Der Leser gesteht jedoch einem Gedicht (El Menges) eine größere Hermetik zu als einer lyrischen Prosa (Jasmin Schellong) und entschlüsselt deshalb in einem zweiten Anlauf den verkrampften Text. Herauskommt wenig überraschend das ungute Weder Noch. Weder wird die Struktur der Konstruktion klar, noch fügen sich die Teile des Scheins ein wenig zusammen.

Übersetzung durch ML

Von Härterem als einem Knochen träumt ein Vierbeiner ungern. Auch nicht von Glasfassaden, die klirren. Beginnt so eine Geschichte? Geschieht das in einer sommerlichen Stadt? / Erinnerungen warnen mich. Scheinbar war ich es, der im Zimmer auf und ab ging und verschiedene Alarmlaute von sich gab./ Das möchte ich dir nachmachen, wie du den Tag analysierst. Wieviel Präsenz von dir hast du dabei festgestellt? Wo keine großen Spannungen sind, ist Nähe. Nähe aber ist fad. Etwas noch Faderes sind Möbel.

Ein schönes Gedicht ist dadurch nicht entstanden, doch man sieht nunmehr, welche Lieblingsthemen der Literaturmoderne behandelt wurden (Ichzerfall, Unwirklichkeit, Abenteuer des Lebens). Die Aussparungen sind größer als bei Schellong und die Vergleiche sind gewagter. Statt „Vierbeiner“ stehen „zuckende Pfoten“, statt „Geschichte“ steht „Narrativ“, statt „analysieren“ steht „auf dem Schneidbrett liegen“ und statt „verschiedene Alarmlaute“ steht „Katalog aus Sirenen“. Das Wort Erinnerung wird willkürlich verwendet. Eine Erinnerung „blinkt“ nicht und gibt nicht Signale, sondern tritt innen auf, haftet und wird vertieft. Dass ein Möbelstück etwas Faderes ist als ein Ichzerfall, ist nicht sicher – das ist ein Vorurteil der Literaturmoderne.

Zitat Schellong D

Heute saß ich mit den Eltern beim Griechen. Papa und Mama haben ihr Arme an den Stellen unterpolstert, an denen sie Kontakt zur Außenwelt haben. Mama hat eine kaputte Leber. Sie aß eine Schweineleber mit Pommes Frites. Plötzlich bekam sie Nasenbluten. Wir reichen ihr unsere blau – weißen Servietten und sie stopfte eine samt der griechischen Aufdrucke darauf in ihr Nasenloch. Mein Bruder und ich sahen uns an. Und als Papa Mama zur Toilette brachte, sprach mein Bruder das Zitat, das seit damals durch unser beider Köpfe geistert: „Wenn es blutet, können wir es töten.“ - Terminator.

Vergleicht man in toto das besagte Gedicht mit der zitierten lyrischen Prosa, so fällt noch etwas Wichtiges auf. Der halb moderne Text von Schellong ist weit weniger harmlos als der supermoderne von El Menges. Der Text der Autorin zeigt Fantasien des Hasses, die jedoch ästhetisch eingefangen sind durch die sachlich – ruhige Sprache. - Und last not least: Nur der Text von Schellong kommt zu einem Ende. Der von El Menges kann endlos fortgesetzt werden. Der Text von Schellong wird durch einen Brief des Bruders über ein Erlebnis mit einem Eber beendet. Die Eltern der Kabeljau – Kinder sterben und mehr ist über die Kinder nicht zu sagen. Über das Ende, das scheinbar natürlich ist (Zeit muss enden), wirklich überall droht und dennoch die Humanität begründet, würden man und frau von heute gerne etwas mehr lesen.

© M.Luksan, Oktober 2025

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