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Poesie, die fließt, und Poesie, die krampft
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Nicht nur durch Vergleich, auch durch Weglassung gibt es Poesie.
Die Ideologen der Moderne haben den Vergleich lieber, weil er
vom Raum und von der Zeit der Dinge absieht, die verglichen
werden. Das Gefühl für Zeitablauf wird bei der ersten Poesie -
Methode geschwächt. Bei der Weglassung von Wörtern tritt
hingegen Linearität (die Zeitlinie) hervor. In der Regel bedienen
sich die Autoren und Autorinnen beider Methoden in einem Text,
und wenn sie das tun, entsteht im Text ein synchron – diachrones
System. Dieses erleichtert zwar nicht das Denken, aber sehr wohl
den Kunstgenuss. Der Text wird als wohl gefügt und als natürlich
erlebt, obwohl er etwas Künstliches ist.
Zitat Schellong A
Mein Papa hat in seinem Leben vielleicht dreitausend Worte
gesprochen. Ungefähr die Hälfte davon waren nicht seine eigenen.
„Hey, wie wär´s, wenn ich dich mal zum Essen ausführe? Du
wirst sehen, ich bin kein übler Kerl.“ Das war der erste Satz,
den er zu meiner Mutter sagte. Eigentlich sagte ihn J.R. Ewing
in Dallas. Papa hat ihn sich gemerkt. Mama benannte uns
nach Figuren aus dieser Serie. Dazu die Serien Schwarzwaldklinik,
Tatort, Lindenstraße. Die einzige Verlässlichkeit in meiner
Kindheit waren die Toten im „Tatort“ und die Torten am Ende
jeder Traumschifffolge.
Diese Sätze aus dem Text „Wir, die Kabeljau – Kinder“ von Jasmin
Schellong sind trotz der Aussparungen ohne Zeitlinie. Sie
folgen ruhig und verständlich hintereinander. Durch den Konnex
von Fernsehserie und genormter Sprache sind sie satirisch
gebrochen. Der letzte Satz ist so stark pointiert, dass er von
einem Kabarettisten stammen könnte.
Zitat Schellong B
Daheim herrschte nicht nur die Stille, sondern auch die Taubheit.
Kein Körperkontakt. Wenn wir husteten, rieb uns Papa mit
Wick Vapo Rub ein. Das war unser einziger, engerer Kontakt mit ihm.
Mama drückte uns jeden Morgen orangefarbene Multivitamin -
Lutschbären in den Mund. Einmal streckte ich ihr dabei die Zunge
entgegen, um ein Stück ihres Nagels zu schmecken. Sie zog
wütend ihre Hand zurück und versuchte, mir mit der anderen
eine Ohrfeige zu geben. Es schien dabei die Sonne durch
ihre Ohren, was mir die Angst nahm.
Die Autorin macht nicht nur eine schreckliche Familie deutlich,
sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass es sie gab. Trotz
Zuspitzung sind das keine Figuren, die zur Gänze der Fantasie
entstammen. Die Eigennamen bestärken den Eindruck. Sie
künden von dem, was ein Autor oder eine Autorin bei einem
guten Text nie erfinden kann. Nicht „die“ Realität ist gemeint,
sondern die unzähligen Realitäten. Es ist deshalb sachlich falsch,
über den poetischen Text zu sagen, dass er sich auf nichts
anderes bezieht als auf sich selber.
Zitat Schellong C
Der einzige Mensch, der regelmäßig mit uns sprach, war unser
Tiefkühl-Lieferant Herr Holz. Für ihn machten wir uns hübsch,
zogen unsere beste Kleidung an und malten Bilder von ihm und
seinem Lieferwagen. Herr Holz hielt sich in unserer Wohnung
immer am längsten auf. Er war der erste Mensch, der mich umarmte.
Einen Menschen zu umarmen, erfordert in etwa denselben
Armabstand wie das Lenkrad eines Tiefkühl-Autos zu
umfassen.
Jasmin Schellong verbindet die Gefühlsarmut innerhalb der
Familie mit der gelieferten Tiefkühlkost. Deshalb wird auch
der Job des weiblichen Ich im weiteren Verlauf des Textes
nicht nur eine Altenpflegerin, sondern auch eine Tiefkühl-Lieferantin sein.
 Jasmin Schellong.
So schrecklich die Sachverhalte auch sind, der Leser
erlebt hier den schönen Schein. Durch die Gefügtheit der
Sätze und durch die Verständlichkeit ihrer Abfolge. Der
Leser empfindet das als natürlich, obwohl der ganze Text
künstlich ist. Die Ideologen der Kunstmoderne lehnen den
schönen Schein schroff ab. Sie wollen die Künstlichkeit des
Künstlichen betonen. Schluss mit dem Schein des Satzes,
Schluss mit dem Schein des Bildes, Schluss mit dem Schein
der Musik usw. Nicht nur in der Literatur, aber speziell dort,
stehen dann die Werke ohne Schein banal und lächerlich da.
Deshalb werden Teile des Scheins zur abstrakt wirkenden
Werkstruktur wieder hinzugefügt. Es entsteht das ungute
Weder Noch. Weder sieht man die Machart voll und ganz,
noch gibt es den schönen Schein.
Zitat El Menges
stärker ausgesprochen als knochen/ befürchten zuckende pfoten im
schlaf/ und blau klirrende fassaden/ klingt so ein narrativ?/
operiert so die stadt am offenen sommer?/ warnleuchten blinken
wie erinnerungen/ nie ganz sicher sein, ob man wirklich gemeint
war, was den raum im zimmer aufspannt/ ein katalog aus
sirenen/ der versuch nachzuahmen/ wie der tag auf deinem schneidbrett
liegt/ hast du die fläche eines menschen je ins verhältnis gesetzt? /
kein gewitter heißt nähe/ ist erschreckend berechenbar/ möbel haben
immer schon einfachere linien gehabt
Der erste Eindruck ist die Minderwertigkeit des Ganzen. Die Sätze
sind nicht ausformuliert. Sie fügen sich nicht aneinander. Jeder
Satz meint einen anderen Sachverhalt. Die Interpunktionszeichen
fehlen. Der Leser gesteht jedoch einem Gedicht (El Menges) eine
größere Hermetik zu als einer lyrischen Prosa (Jasmin Schellong)
und entschlüsselt deshalb in einem zweiten Anlauf den verkrampften
Text. Herauskommt wenig überraschend das ungute Weder
Noch. Weder wird die Struktur der Konstruktion klar, noch fügen
sich die Teile des Scheins ein wenig zusammen.
Übersetzung durch ML
Von Härterem als einem Knochen träumt ein Vierbeiner ungern.
Auch nicht von Glasfassaden, die klirren. Beginnt so eine
Geschichte? Geschieht das in einer sommerlichen Stadt? /
Erinnerungen warnen mich. Scheinbar war ich es, der im Zimmer
auf und ab ging und verschiedene Alarmlaute von sich gab./
Das möchte ich dir nachmachen, wie du den Tag analysierst.
Wieviel Präsenz von dir hast du dabei festgestellt? Wo keine
großen Spannungen sind, ist Nähe. Nähe aber ist fad. Etwas
noch Faderes sind Möbel.
Ein schönes Gedicht ist dadurch nicht entstanden, doch man sieht
nunmehr, welche Lieblingsthemen der Literaturmoderne behandelt
wurden (Ichzerfall, Unwirklichkeit, Abenteuer des Lebens). Die
Aussparungen sind größer als bei Schellong und die Vergleiche sind
gewagter. Statt „Vierbeiner“ stehen „zuckende Pfoten“, statt
„Geschichte“ steht „Narrativ“, statt „analysieren“ steht „auf dem
Schneidbrett liegen“ und statt „verschiedene Alarmlaute“ steht
„Katalog aus Sirenen“. Das Wort Erinnerung wird willkürlich
verwendet. Eine Erinnerung „blinkt“ nicht und gibt nicht
Signale, sondern tritt innen auf, haftet und wird vertieft. Dass
ein Möbelstück etwas Faderes ist als ein Ichzerfall, ist nicht
sicher – das ist ein Vorurteil der Literaturmoderne.
Zitat Schellong D
Heute saß ich mit den Eltern beim Griechen. Papa und Mama
haben ihr Arme an den Stellen unterpolstert, an denen sie
Kontakt zur Außenwelt haben. Mama hat eine kaputte Leber.
Sie aß eine Schweineleber mit Pommes Frites. Plötzlich bekam
sie Nasenbluten. Wir reichen ihr unsere blau – weißen Servietten
und sie stopfte eine samt der griechischen Aufdrucke darauf
in ihr Nasenloch. Mein Bruder und ich sahen uns an. Und
als Papa Mama zur Toilette brachte, sprach mein Bruder das
Zitat, das seit damals durch unser beider Köpfe geistert:
„Wenn es blutet, können wir es töten.“ - Terminator.
Vergleicht man in toto das besagte Gedicht mit der zitierten
lyrischen Prosa, so fällt noch etwas Wichtiges auf. Der halb moderne
Text von Schellong ist weit weniger harmlos als der supermoderne
von El Menges. Der Text der Autorin zeigt Fantasien des
Hasses, die jedoch ästhetisch eingefangen sind durch die
sachlich – ruhige Sprache. - Und last not least: Nur der Text von
Schellong kommt zu einem Ende. Der von El Menges kann endlos
fortgesetzt werden. Der Text von Schellong wird durch einen Brief
des Bruders über ein Erlebnis mit einem Eber beendet. Die
Eltern der Kabeljau – Kinder sterben und mehr ist über die Kinder
nicht zu sagen. Über das Ende, das scheinbar natürlich ist
(Zeit muss enden), wirklich überall droht und dennoch die
Humanität begründet, würden man und frau von heute gerne
etwas mehr lesen.
© M.Luksan, Oktober 2025
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