DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Glanzzeit der Törichten

Ein junger Autoraser fliegt auf einer Landstraße aus der engen Kurve und landet im Wald. Beim Aufprall zerbricht eine Metallplatte in seiner Schulter, die ihm nach dem letzten Verkehrsunfall eingesetzt worden ist. Oder: Ein junges Paar überfällt auf dem Land die Filiale einer Sparkasse und nimmt zu seiner Tarnung – vor und nach der Tat - das Baby einer befreundeten Familie mit. Durch diesen Säugling halten sich die beiden für unauffällig, werden aber gerade wegen des Kleinkindes schnell ausgeforscht und verhaftet. Das sind zwei Beispiele für praktizierte Dummheit. Für törichtes Leben. Die Massenmedien liefern solche Geschichten täglich ins Haus und der Nachrichten – Konsument nimmt sie empört oder schadenfroh, nachdenklich oder belustigt auf. Es sind heftige Aktionen mit völlig unerwünschten Folgen, die man durch Annahme von Selbstüberschätzung und von Unterschätzung der Welt gut erklären kann. Zufall und Missgeschick spielen hier fast keine Rolle angesichts der falsch gesehenen Handlungsmöglichkeiten und ignorierten Tatsachen. Es fällt auch auf, dass sich der Töricht – Handelnde in die Lage eines Kontrahenten nicht versetzen kann, egal ob das ein Opfer, ein Mittäter, ein Augenzeuge oder ein Verfolger ist. Er geht unrealistisch durchs Leben - kann sich auch durch Entscheidungsfreudigkeit nicht helfen.

Törichte Menschen in der Welt des Reichtums hat Francis Scott Fitzgerald wiederholt dargestellt. In „Wiedersehen mit Babylon“ stellte er einen Amerikaner in Paris ins Zentrum, der tief fällt. Zuerst scheint der Mann großartig und unverwundbar, weil er an der Börse viel verdient und am Montmartre viel ausgibt. Dann kracht die Börse (worüber sich der Text ausschweigt) und der Börsianer und seine Frau verhalten sich so dumm und exzessiv, dass sie ums Leben kommt und er um das Sorgerecht für seine Tochter bangen muss. Dieser Held ist an sich mittelmäßig und als Charakter sogar unbestimmt, doch als literarisches Porträt ist er das rare Beispiel eines flachen Genießers, der zum Nachdenken gezwungen wird. Der Schlager „Puttin‘ on the Ritz“ erhält durch die Figur des Charlie Wales einen tieferen Sinn.

Ausnüchterungszelle USA 1942
Unvernunft 1942. The Cooler (Ausnüchterungszelle) in NYC.

Die Dichter wussten immer schon, dass die Weisheit in der Gesellschaft zu kurz kommt. Deshalb stellten sie immer auch den Weisheitsmangel dar. Heute ist dieses Thema verpönt und die Kultur ist dabei offensiver als die Kirchen früher. Die Kirchen früher haben die Allwissenheit Gottes betont und nicht gesagt, dass sie weise Gläubige nicht brauchen. Heute ist es selbstverständlich in Literatur und Journalismus, dass die inoffizielle und nicht - approbierte Stimme, die die von unten kommt, die Welt nicht erklären darf. Nur Erlauchte dürfen das, Erleuchtete nicht. Und die Erlauchten sind sehr vorsichtig mit dem Urteil, andere als „töricht“ zu bezeichnen. Die Politik wiederum benötigt gebildete und abgeklärte Wähler überhaupt nicht. Der Wirtschaft schließlich ist die umfassende Bildung ein Dorn im Auge. O – Ton Margarete Schramböck: „Unsere Gymnasien produzieren an der Wirtschaft vorbei.“

Kultur und Wirtschaft, die derzeit wie das Weltall auseinander streben, schließen gleichermaßen Weisheit aus. Die Kultur z.B. dadurch, dass sie Moderne Kunst fördert, und die Wirtschaft z.B. dadurch, dass sie den 50 Plus – Personen keine Arbeit gibt. Unsere Zeit könnte man mit „Glanzzeit der Törichten“ übertiteln. Ein Räuberpärchen stürzt sich ins Leben und will dort durch eine unerlaubte Tat ein neues Leben anfangen. Ein Künstler schürft sich das Gesicht an der Wand der Galerie blutig und tritt so zwischen seinen Bildern bedeutungsvoll hervor. Durch Schwung und Härte (viel mehr anderes ist nicht im Spiel) will der Einzelne eine fragwürdige Tat laut und glanzvoll machen. Er ist zwar mutig, aber er ist ein Tor. Er erwartet sich zu viel vom Leben - er erwartet sich zu viel von der Kunst - und überschätzt in jedem Fall die Wirkung seines Handelns.

Eine Kultur, die den Einzelnen nicht beruhigt, nicht begeistert und auch sonst nicht ausgleicht und entwickelt, wird zumindest gleichgültig. Wenn Kultur nicht beachtet und nicht gesucht wird, wird der Blick ganz frei für das banale Leben. Der Einzelne sieht dann nur noch dieses. Das materielle Leben verändert sich - ungeachtet aller derzeitigen Krisen – zum Besseren. Bravo! Doch das kulturelle Leben macht immer ärgere Proklamationen. Bis etwa 1960 lobten das Stück „Die Nashörner“ von E. Ionesco und der Film „Zwölf Uhr Mittags“ von F. Zinnemann Werte des Einzelnen, die für zutreffend gehalten wurden. Dann veränderten sich die Werte und man deutete die gleichen Sachverhalte konformistisch. Der Einzelne, der sich jetzt verweigerte, jetzt vor der Gefahr nicht floh etc. war nicht bloß minder interessant, er war jetzt schädlich für das Kollektiv. O – Ton Carsten Bresch: „Die Werte des Einzelnen müssen destruiert werden, damit die Menschheit eine Chance hat.“ Die Zeitungen, die Funkhäuser, die Verlage, die Fernsehsender arbeiteten wie wahnsinnig an der Veränderung des Männerbildes, noch ehe die Uniprofessoren das machten.

Warten auf Beatles
Unvernunft 1965. Warten auf die Beatles in London.

Die Weisheit steht der Torheit - und der Ideologie antagonistisch gegenüber. Die Ideologie gibt das Teilstückhafte für das Ganze aus, ist also schlecht, und verbindet sich manchmal mit der Torheit. Der Ideologe ist dann listig und töricht zugleich. Ein gutes Beispiel dafür ist „Eine STADT. Ein BUCH.“ Der Roman eines Dichters oder einer Dichterin wird in hoher Auflage gedruckt und öffentlich verschenkt. Das war die Aktion des Roten Wien, den Ärmsten der Armen Weltliteratur zu übergeben. Was aber in den 1920ern sinnvoll war, ist heute töricht. Die Leute schätzen dieses Buchgeschenk fast nicht. Sie wollen nicht wissen, ob ihre Verhältnisse durch Literatur dargestellt sind und wie sich das liest. Heutige Bildungsschwache wollen überhaupt kein Buch – sie wollen ein Smartphone. Zwar erinnert sich die SP durch diese Aktion an sich selber, doch die Zeiten haben sich geändert. Durch die Sache wird nur Steuergeld vergeudet - und der Buchmarkt verzerrt.

Ärger als die Hybris des Lebens ist die Hybris des Geschwätzes. Sagten schon die alten Philosophen. Wenn jemand sein Leben falsch lebt, bezahlt nur der Agierende mit seinem Leben dafür. Der Zuseher hält sich aus dem Unglück des anderen heraus und zieht unter Umständen eine Lehre aus dem tragikomischen Unfug. Durch das großsprecherische Reden wird jedoch der Zuhörer in falsche Vorstellungen und Beurteilungen hinein gezogen, an die er vielleicht fester und länger glaubt als der Schwätzer. Die Proklamationen der Kunstmoderne fallen teilweise unter das hybride Reden. ZB. die Manifeste von Breton, die eine Kunst und ein Denken beschreiben wollen, haben eine Menge Künstler ungut beeinflusst. „Kühnheit“, schreibt Breton z.B., „liegt in der Entfernung der Realitäten.“ Auch der Satz „In der Wirklichkeit ziehe ich es vor, zu fallen“ ist an Hybris kaum zu übertreffen.

Er ist der Prototyp des Schwätzers mit dem höchsten Anspruch, der sich ans eigene Reden gar nicht hält. Er wollte Marx und Rimbaud verbinden, die Welt und das Leben gleichzeitig verändern, aber er schaffte nur surrealistische Netzwerke – über Frankreich hinaus - mit ihm selbst als dem Papst des Ganzen, die nicht lange hielten. Die feudale Wohnung in Paris, die seine erste Frau, eine Bankierstochter, gekauft hatte und die sie nach der Scheidung verließ, bewohnte der Polizistensohn bis zu seinem Ableben. Die Republik gab einem Platz in Paris seinen Namen, kaufte aber die Wohnung nicht. Sie richtete Breton kein Museum ein.

Vom törichten Leben erfahren wir in der Regel aus den Medien, wohingegen das törichte Reden von uns erlebt werden kann. Es umgibt uns immer und überall. Abgesehen von den vielen Ideologien werden Scheinwerte im täglichen Leben aufgerichtet, die man als Gutwollender anfangs glaubt. ZB. die große Freiheit, die gelingende Kommunikation und der Erfolg sind drei Dinge, die die Kultur behauptet (Werbung), aber nicht diskutiert. Jurien, Vorstände, Kritiker – Cliquen und Beratergruppen prüfen heute die Proklamationen sofort, sehr viel später die Kulturwissenschaftler. Nicht Einzelne, die gegen andere Einzelne streiten, sondern Gremien sagen uns heute die Regeln der Bewertung und der Produktion. Dabei haben sie den Geist, der an sich der Zweck des Lebens sein könnte, total herab gestuft. Sie sagen nicht einmal, dass das Gros der Menschen nicht nach ihm verlangt (und seiner auch nicht bedarf), sondern sie sagen, dass er keinen Wert hat und nur noch eine winzige Elite (als die sie sich selbst nicht sehen und die nach Macht verlangt, nach der sie selbst nicht streben) sich seiner noch bedient. Durch die Herabstufung des Geistes wird die Weisheit verstümmelt. Sie kann nicht nur nicht die Form des Geistes annehmen, sie kann auch nicht lobend auf ihn hinweisen.

Jugendliche randalieren
Unvernunft 1989. Jugendliche randalieren in Berlin - Ost.

© M.Luksan, April 2023

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