DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Halbwelt

Im Bus Leute mit Kopfhörern und Handys in der Hand. Ein Mann lacht Hach hach hach!, weil er beim Telefonieren laut lachen muss. Draußen ein Fernheizwerk. Kleine, schwarze Autos fahren im Konvoy in das Werk hinein. Die Mauer hat Stacheldraht und Kameras auf Stangen. Die Fernwärme ist die teuerste Energie. Betonwege mit aufgemalten Pfeilen. Ein großer Acker wurde durch Häuser und Garagen ersetzt. Der kleine Wald im Park blieb erhalten. Ein paar Bäumen stehen Stamm an Stamm. Außerhalb des Parks donnern die Trucks vorbei. Müllwagen kommen von der Deponie. Auf dem Gelände einer Zug – Fabrik wird neu gebaut. Der Block ist noch nicht hoch. Die Kräne hängen hoch im Himmel. Der Mensch hat die Schöpfungsstille zerstört.

Für den Sammler Hain kaufte Kolbe das Schmerzmittel Brufen. Der Apotheker, mit ausländischem Akzent, sagte: Es steht Jänner! - Kolbe sagte: Sie sind Ungar! Mein Großvater war auch Ungar! Kann man das Datum nicht verändern? - Ich bin Slowake. Aber meinetwegen! - Er setzte den 26. Jänner in Klammer, stempelte das Rezept mit 7. Mai und verkaufte das Brufen. - Kolbe ging durch den Auwald, der jetzt ein Park war. Ein Radler mit geblähter Jacke fuhr klingelnd auf ihn zu. Kolbe blieb stehen und drohte mit dem Finger. Der Radler sauste an ihm vorbei. Außerhalb des Parks standen Gelbhelme vor braunen Gittern und überwachten das Hineingießen des Betons. Du sahst sie bauen, sagte Hain, deshalb meine Frage: Was erwartest du dir vom Menschen? Er ersetzt die Natur durch das Tand aus Menschenhand! - Du wohnst, sagte Kolbe, in einem Haus rundherum mit Bäumen. Stell dir vor, du müsstest in einem Plattenbau wohnen! - Das ist wahr, sagte Hain, und deshalb kaufe ich jetzt eine dritte Wohnung in diesem Haus. Eine für meine Bilder, eine in der ich wohne, und eine für meine Gäste, wenn sie zu mir kommen und nicht gleich wieder gehen wollen.
In seinen Wohnungen geht Hain auf Krücken. Er hatte im Krieg ein Bein verloren. Ein Bild zeigt ein schwarzes Monster, das sich mit behaarter Hand ein fleischfarbenes Menschlein in das rote Loch stopft. Es heißt Chronos frisst seine Kinder. Kolbe gefiel das Bild nicht. Er sagte: Du hast sicher auch dieses Bild günstig gekauft?! - Hain lächelte und zog die Schultern hoch. - Die Bilder der Jungen kaufst du ohne Rechnung. So schädigst du zwar die Republik, aber bezahlst armen Schluckern mehr als jede Galerie! - Bis deren Bilder etwas wert sind, bin ich längst gestorben!
Eine Kultur, sagte ich, die zu dem schweigt, was die Industrie herstellt, ist wertlos. Kultur hat sich für das Heil des Menschen eingerichtet und kann zur Wirtschaft nicht einfach schweigen! - Das ist mir wurscht, sagte er, Über Markt, Werbung, Industrie, Hochfinanz denk ich gar nicht nach! Ich dachte: Themen, die der Herr Journalist meidet!, und sagte: Werbung halte ich für schädlich! Hundert Gründe! Zum Beispiel Neckermann macht Kataloge, die eine Hakenbüchse, ein Paar Socken und eine Porno DVD nebeneinander anbieten. - Möglich, sagte er, aber mit mir kannst du über einen Bankraub, eine Bausünde oder über einen Big Mac reden, der zu fett ist. Alles andere ist mir zu abstrakt!

Nach sechs Monaten kam Kolbe noch einmal zu Hain. Diesmal blies Oktoberwind durch den Park und über die Gehsteige und der große Block war erbaut. Gelbhelme standen auf dem Gehsteig und der Wind riss ihnen einen Bauplan aus den Händen. Kolbe stellte rasch einen Fuß auf das Papier. Er gab es einem Ingenieur. Die Gesundheit von Hain hatte sich verschlechtert. Er ging wieder redend durch die Zimmer seiner Sammlung. Die Spitze einer Krücke erfasste ein Papier am Boden. Hain rutschte aus, fiel auf den Rücken und Kolbe hob ihn auf. Er setzte ihn in einen Fauteuil. Hain war wütend. Er sagte: Ich brauche keine Hilfe! Auch von deinem Freund Joe nicht! Er will den Chronos selbst gemalt haben. Als Bub, hat er mir gesagt! - Er heißt Gio und hat ein loses Mundwerk. Doch als Reporter ist er ein Genie! Er ist im Internet eine Berühmtheit! - Im Internet kenn ich mich nicht aus! Aber ich erkenne einen Anhänger von Joseph Beuys sofort!
Er misstraut dem Markt und er misstraut uns beiden. Niemand will ihm aber etwas aufschwatzen. Beuys ist uns egal. Gio meint nur, dass jedes Kind eine künstlerische Ader hat, die später verloren geht. Er meint nicht, dass jeder Erwachsene Kunst machen kann, wenn er anders leben würde. Das ist nicht das Gleiche. Er hätte Wilfried im Internet beworben, hätte ihn dieser nicht zurückgewiesen. Als Sammler ist Wilfried ein Genie, als Mensch ist er ein alter Knacker.
Tage später kam Kolbe ein letztes Mal zu Hain. Die Frau des Sammlers öffnete und sagte: Sie haben heute kein Glück. Wilfried ist im Spital! - Der Gesuchte machte eine Dialyse, weil das Brufen, das er zur Linderung seiner Arthritis nahm, seine Nieren angegriffen hatte. Kolbe war beklommen. Was haben sich die Ärzte gedacht, als sie ihm das Zeug verschrieben? - Frau Hain wollte nicht mit ihm reden. Sie holte einen Zettel und schrieb das Spital und die Zimmernummer auf. Im Lift prägte sich Kolbe beides ein und warf dann das Papier auf der Straße weg. Er ging vom Vorort in die Innere Stadt. Auf dem Weg dahin kaufte er das Buch „Wiener Blut“, von Robert Geher. Am Ende ging er durch ein Kaffeehaus auf der Ringstraße und im letzten Winkel saß Gio Andrä hinter einer Zeitung, streckte ihm die Hand hin und fragte: Wie war´s beim Rappelkopf? Wie geht es deinem väterlichen Freund?

Gio Andrä, Peter Kolbe und das Bürgerfernsehen. Bevor sich die beiden beim Bürgerfernsehen kennen lernten, verließ Andrä eine große Zeitung und Kolbe verließ den großen Rundfunk. Beider Gründe sind interessant. Als Freelancer wollten sie mithelfen, ein vom Zuschauer produziertes und halb bezahltes Fernsehen in der Stadt einzuführen. Sie dachten über Formate nach. Andrä legte Fotos auf den Tisch, die aus dem Archiv einer aufgelassenen Parteizeitung stammen. Stoßspieler, Schränker, Zuhälter, Schmuggler, Kapos der Unterwelt vor 1970. Andrä wollte Gangster interviewen, um „die alte Unterwelt von der modernen OK zu unterscheiden“. Das Buch von Geher behandelt diesen Unterschied nicht. Kolbe war begeistert. Er sah in dem Projekt eine „geistige Aufgabe, die unser Journalismus derzeit nicht erfüllt“. Er, der Dokufilme macht, sah einen Film vor sich. Sie bewarben das Projekt bei der Plattform, die Community TV installieren wollte, und sie bewarben es beim Bürgerfernsehen, als es bestand. Die Leiter des neuen Fernsehens wiesen aber das Projekt so entschieden von sich, dass Kolbe den Filmplan aufgab.
Besser ein alter Rappelkopf mit Geld als ein junger Überflieger mit Geldsorgen. Über Probst und Hain soll Gio schreiben. Das kann er besser als ich. Er soll aber nicht verschweigen, dass Hain das Bild für einen Popel bekam und Franz Probst vielleicht noch froh war, sein Werk für eine Monatsmiete zu verkaufen. Wir wollen nirgendwo die halbe Wahrheit sagen. Und wir wollen sie elegant sagen, das kommt dazu. Gio sagt eine hässliche Wahrheit durch die Blume beinah schön. Er soll auch sagen, dass niemand für das Bild eines jungen Malers die Mehrwertsteuer bezahlen möchte, wenn er nicht weiß, ob der Jüngling nicht das Malen aufgibt und stattdessen Computermusik macht oder ein Internet - Café betreibt.
Sie wollten über die „Galeristen“ ein Sachbuch mit Fotos machen. Bei Alois Schmutzer wurden sie aber nicht einig. Kolbe glaubt nicht, dass dieser Wiener Gangster einen Ofen aus der Wand gerissen und ihn gegen einen Polizisten geschleudert habe. Er verwies diese Geschichte ins Reich der Legende und erzählte eine andere über Alois Schmutzer. Eine Frau Bonella besaß in Rudolfsheim ein Haus, in dem Alois mit Freunden an Samstagen zechte. Mit einer ihrer Mieterinnen hatte Frau Bonella Streit. Eines Samstags ging sie zu den saufenden, jungen Männer und händigte ihnen den Wohnungsschlüssel der Mieterin aus. Schmutzer und Co. drangen in die Wohnung der jungen Frau ein und entführten sie in ein anderes Haus der Frau Bonella in Kalksburg. Dort vergewaltigten sie das Opfer. Auf der Rückfahrt im Auto raubten sie der Frau das Geld aus der Handtasche und verletzten sie schwer. Andrä hörte ruhig zu und sagte dann: Na und? - Kolbe war empört. Wo bitte, rief er, ist hier ein König der Unterwelt im Spiel, den das Fernsehen dazu befragen muss, wie er Silvester im eigenen Lokal verbringt?! - Ich glaube nicht, sagte Andrä, dass deine Aufregung der richtige Ton für unser Buch ist. - Pause trat ein. Das Ende ihrer Kooperation stand ihnen vor Augen, aber Kolbe beruhigte sich wieder und Andrä hatte einen neuen Einfall. Er fügte zu den Räubern und Zuhältern des geplanten Buches den Einbrecher Bobby Schilhan hinzu.
Du könntest die Sache mit den „Mondfrauen“ bringen, sagte ich, Benedikt wollte sie als Schnäppchen kaufen. Er war bei Hain, ließ sich von ihm das Bild zeigen und bemängelte dessen Qualität. So wollte er den Preis des Bildes drücken. Das finde ich sehr typisch. Einer will den andern über den Tisch ziehen und sich gut dabei fühlen. Wilfried lachte aber, er sagte „Wenn Sie meinen! Wenn Sie meinen“, und Benedikt zog ohne das Bild ab. - Ich schreibe gar nichts über ihn, sagte Gio, der gute Hain geht mir auf die Nerven!

Die gescheiterte Karriere des Robert Schilhan ist vergessen. Er stieg einst in eine Wohnung gegenüber dem Volkstheater ein und wurde in flagranti geschnappt. Die Zeitungen schrieben: „der lustigste Einbruch, den die Stadt je sah“. Sie nannten Schilhan den „Einbrecherkönig von Wien“. Er musste mit einem Helfer zusammen arbeiten, den ihm die Unterwelt aufgezwungen hatte. So versuchte er, einen Beamten zu bestehlen, der in Gefängnissen Staatsbürgerkurse hielt. Fehlschlag, obwohl sich Schilhan vorbereitet hatte. Er wusste, dass der Safe veraltet war und dass sein allein lebendes Opfer im Ausland weilte. Es besuchte Krals und Schulen im Auftrag des Ministeriums. Den größten Fehler machte der Helfer. Statt im Eingang des Kinos still zu warten, ging er empor schauend auf und ab. Auf dem Gehsteig schnitt er die Tasche mit den Goldmünzen von einer Schnur ab, die aus einem Fenster hing und mit deren Hilfe Schilhan die Beute hatte fortschaffen wollen.
Die Stätte des Verbrechens, sagte Andrä, will ich dir heute zeigen! Ich habe meine Hausaufgaben gemacht! - Im nächsten Moment trat der besagte Schilhan an den Tisch des Ringstraßen – Cafés und sagte: Ich habe Sie fast nicht gefunden! - Kolbe lernte Schilhan leibhaftig und bequem kennen. Vornehme Kellner und bürgerliche Gäste mildern raue Sitten. Schilhan sprach davon, dass er sich durch Lesen und Schreiben seine Gefängniszeiten klug abgemildert habe. Doch plötzlich verglich er sich mit Blaise Cendrars. Er behauptete, dass Männer des Abenteuers im Gefängnis wie Tiere leiden, weil sie im Grunde vom Rausch und von der Liebe leben. Kolbe hörte verwundert zu, aber Andrä kannte diese Rede schon und wollte von Schilhans „sexuellem Notstand“ nichts hören. Er sagte: Bei Bobby ist das ähnlich wie bei Alois. Sie sind im Grunde rebels without a cause! - Kolbe widersprach. Schmutzer sei noch weniger ein König der Unterwelt als Franz Altmann, der eine Schreibmaschine der Polizei durch ein Fenster eines Kommissariats geworfen hatte. - Bei der Nennung dieser Namen nickte Schilhan stumm und respektvoll mit dem Kopf. Er nahm einen Geißfuß aus einem Rucksack heraus. Ein Kellner war pikiert. Schilhan rief: Ich habe das kleine Besteck bei mir! Worauf warten wir?
Das Haus mit dem Kino, in dem er ergriffen worden war, liegt unweit des Kaffeehauses. Ein Hausverwalter kam hinzu, als sie im Stiegenhaus vor der geschlossenen Tür warteten. Er suchte nach dem richtigen Schlüssel. Schilhan hatte plötzlich den Geißfuß in Händen und tat, als wollte er die Türe aufbrechen. - Wenn Sie mir die Tür ruinieren, sagte der Verwalter, müssen Sie nachher eine offene Wohnung mieten! - Andrä mietete aber nichts. Er schoss nur Fotos mit dem ehemaligen Täter am Ort der Tat. Das beste Bild, das so entstand, zeigt Schilhan, halb im Safe sitzend und sich heraus beugend und auf dem Handy tippselnd. Der Safe war derselbe. Dieses Foto gab später die Verlegerin des geplanten Buches an Andrä zurück. Sie schmunzelte und fragte: Gehört er denn zur Unterwelt dazu?

Als Halbwüchsiger hatte Schilhan eine Dreizehnjährige beschlafen. In einer Jugendszene, vergessen von der Welt. Diese „Unzucht mit einer Minderjährigen“ hatte ihn in Haft gebracht. Im Gefängnis lernte er „die andern“ kennen. Wieder heraußen begann sein Weg als Einbrecher. Er ging in keine Schule mehr. Wurde mehrmals erwischt. In Haft hielt er eines Tages den „Kinsey Report“ in Händen und las Sätze wie: Jede soziale Klasse ist überzeugt, dass ihre Verhaltensform die beste sei. - Oder: Die höheren Schichten begründen ihr Verhalten mit Recht und Unrecht, die niederen begreifen Sexualität vom Standpunkt der Natürlichkeit aus. - Neben Sachbüchern las er die Broschüren eines Fernlehrinstitutes in Hamburg. Er erlernte Produktwerbung und Korrespondenz. Für „Reklamationen und Wirkungsbriefe“ erhielt er die Note „Sehr gut“.
In Freiheit kam er Mai 1968. Bei Schilhan gab es keine Freunde, die ihn im Mercedes abholten. Er traf einen Gemeinderat, der manchmal mit Ex – Häftlingen im Fernsehen auftrat, in einem Chinarestaurant. Der Politiker war sehr freundlich. Er hörte sich Schilhans Berufsplan geduldig an. Reinigte seine Finger mit Zitronensaft. Ging ohne eine Zusage. Schilhan traf ihn Tage später wieder, um ihm beim Wohnungsumzug seiner Mutter zu helfen. Er und ein Chauffeur schleppten Möbel durch ein Haus. Als Lohn gab es einen Nadelstreifanzug des Politikers, den dieser mitgebracht hatte. Schilhan trug nur die Hose, der Oberteil war ihm zu eng.
Wir müssen Lebenskraft und Unbeschwertheit bei Schilhan betonen. Er ist ein Schelm. Der Dieb über den Dächern von Nizza wird vom Gendarmen von Saint Tropez gejagt und verhaftet vom flaschengrünen Helfer. Ein Raumpfleger sah um Mitternacht die Aktion mit der Tasche, als er im Volkstheater die Flure reinigte. Er rief die Polizei. Diese nahm den Helfer auf der Straße und Schilhan in der Wohnung fest. Sie haben die Beute komisch fortgeschafft. Gio sagt, dass Schilhan dem Portier des Hauses beim Hineingehen seine leere Tasche gezeigt habe und beim Hinausgehen durch eine volle Tasche nicht habe auffallen wollen. Ein Schelm. Als wir nach dem Fotoshooting ein Bier tranken und anschließend auf der Straße standen, hatte er kein Handy mehr. Wir gingen ins Lokal zurück. Er nahm, so schnell, dass ich´ s nicht verhindern konnte, dort Platz, wo wir gesessen hatten, und bohrte seinen Zeigefinger in den Hals eines jungen Mannes. Mein Handy, wo isses? Sag´ s und du stirbst schmerzlos?! - Ein Kellner winkte mit dem Gerät. Schilhan ließ von dem Erschrockenen ab. Da ist es ja! Ha ha ha!

In einer Nadelstreifhose und einem gepunkteten Hemd ging er auf der Simmeringer Hauptstraße auf und ab. Er wollte einen Unachtsamen bestehlen, wenn dieser sein Auto unversperrt stehen ließ, beim Kauf der Friedhofsblumen. Ging vom Gürtel zum Friedhof und vom Friedhof zum Gürtel, doch es gab kein Opfer. Es gab nur eine Würstelbude mit dem Schild „Zu verpachten“. Diese Bude mietete Schilhan, weil kein Pachtzins verlangt wurde. Die Bedingungen waren trotzdem ungünstig. Er musste die Würstel im Gasthaus des Pachtgebers zum Lokalpreis einkaufen. Seine eigenen Preise waren dadurch zu hoch. Er versuchte einen Trick, der ihm nicht half. Er servierte die Würstel immer erst dann, wenn auf der langen Straße das öffentliche Verkehrsmittel in der Ferne zu sehen war. Vorher nicht. So konnten Kunden, die bei ihm die Straßenbahn oder den Bus nahmen, immer nur wenige Bissen hinunter schlingen und bezahlen. Mehr Zeit hatten sie nicht. Die Wurstreste warf Schilhan in den Kessel zurück und verkaufte sie zum halben Preis.
Er hat uns gesagt, dass er nicht dazu gehörte. Er hat weder den Straßenstrich noch das Glücksspiel kontrolliert und seine Beute hat er nicht geraubt. Er hat sie nur durch Einbruch gestohlen. Durch Schmuggelware hatte er keinen Profit. Falschgeld stellte er nicht her. Der Verkauf von Rauschgift und von Waffen spielte damals noch keine Rolle. Die Diebe bildeten einen eigenen Kreis, über den sich die Galeristen erhaben dünkten. Die Polizei wurde damals nach Einbrüchen am Lautesten gerufen wurde. Heute nicht mehr. Damals schon. Die Unterweltler waren aber auch die Hehler. Sie waren dadurch an Diebstählen indirekt beteiligt. Trotzdem waren Schilhan - auch Dadak ausgeschlossen. Dadak brach als „Klettermaxi“ bei den Wienern ein, deren Adressen er vorher im Telefonbuch gefunden hatte. Im Unterschied zu Schilhan sportelte er und war ein Angestellter in einer Firma, während Schilhan in den Tag hinein lebte und ein Doppelleben nie geführt hat.

Lorenz Helfer
Friedrich Dadak, genannt "Klettermaxi", vor Gericht 1970.



© M.Luksan, Juli 2022

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