DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Einen Text beim Wort nehmen

Autoren wissen oft nicht genau, worüber sie schreiben. ZB. Andreas Maier erlaubt sich einen vagen Satz, nur weil dieser sein Buch auf eine flapsige Weise schließt. Er möchte einem Verstorbenen eine „Praline“ auf das Grab legen, oder eine „Sankt Pauli Nachrichten“. Ich kenne Frauen, die kennen den alten Adomeit nicht, aber wenn ich diesen Frauen vom alten Adomeit erzähle, sagen sie, fotografiere mich, so wie ich bin, und dann stecke es in seine Erde zu ihm, denn woandershin kann man es ja nicht mehr stecken. (A.M, Die Straße, Berlin 2015, S. 192) Der Verstorbene ist dem Leser bekannt, er war ein Onanist auf einem Feldbett. Unbekannt ist aber die Frau, die sich von Maier fotografieren lässt und sich dabei wünscht, er möge das Foto auf das Grab des Adomeit legen. Auch Maier kennt solche Frauen nicht. Sie sind nur sein rhetorischer Einfall am Ende seines Buches.

Der Bezug eines Wortes ist rhetorischen Autoren mit dünn-epischen Texten nicht viel wert. Um bei A. Maier zu bleiben, er will einen dicken Mitbewohner im Haus seiner Eltern anschaulich gestalten: ich hatte inzwischen begriffen, dass John ein explizites Verhältnis zum Essen bzw. Fressen hatte. Er wusste genau, was er tat. Dieses Verhältnis hatte etwas Fetischhaftes. Er hielt sich an der Fresserei fest und ließ sie sich nicht nehmen oder ausreden, sondern stellte sich mit ihr gleichsam gegen die Welt und baute sich einen Schutzwall, der einen Innenraum umgab, zu dem keiner sonst Zugang haben sollte. Und obgleich er diesen Innenraum von seiner Umwelt tatsächlich weitgehend freihielt, redet er über diese, seine Fresstaktik mit mir in gewisser Weise dennoch ganz offen. (…) John hatte einen ausgeprägten Hang zur Dialektik“ (A.M.,a.a.O., S. 166) Die soziale Indirektheit der Figur wird aber überhaupt nicht dargestellt, sie wird nur behauptet.

Darstellung sieht anders aus. ZB. Thomas Wolfe, 1929, schildert die letzten Atemzüge eines Lungenkranken. Er behauptet das Ersticken nicht, er stellt es dar: Der einzige Laut im Zimmer war Bens leise rasselnder Atem. Er röchelte und keuchte nicht mehr, er kämpfte nicht mehr, er hatte das Bewusstsein verloren. Seine Augen waren fast geschlossen, durch die Lidschlitze flackerte das dumpfe, graue Glimmen der Fühllosigkeit und des Todes. Er lag ruhig auf dem Rücken, sehr gerade ausgestreckt, ohne Anzeichen der Pein. Sein scharfes, schmales Gesicht war sonderbar hochgerissen, die Lippen waren fest geschlossen. Und abgesehen von dem schwachen Gebrumm seines Atems erschien er bereits tot. Er hatte nicht mehr teil an dem hässlichen Mechanismus seines Atmens, das, an die furchtbare Chemie des Fleisches erinnernd, die anderen mit Illusionen, mit Glauben an den Übergang und die Fortdauer des Lebens zu täuschen schien. Er war tot bis auf das langsame Stoppen der abgenutzten Maschine, tot bis auf dieses leise Geräusch im Innern seines Körpers, an dem er nicht mehr teil hatte. Er war tot. (Th. Wolfe, Schau heimwärts, Engel, Reinbek 1964, S. 396)

Etwas Einblick in die Herstellung von Prosa wäre für das Urteil unserer heutigen Kritiker nicht schlecht. Hier kann man sagen: Wolfe lässt alle Wörter und alle Zitate zu. Er schränkt die Wörter, aus denen er den Text macht, nicht ein. Beim Formulieren ordnet und ergänzt er die Einzeldinge, er kommentiert sie aber nicht, weil er zu viel Gleichzeitigkeit im Text nicht haben will. Er ringt der Fülle ein Nacheinander ab. Durch Einfälle (zb. „die furchtbare Chemie des Fleisches“ für den Gasaustausch in der Lunge) polstert er seine lineare Welt aus. Er durchdenkt seine Sachverhalte nicht weniger als der Rhetoriker, aber er nimmt diese bescheidene Logik der Sachen nicht so ernst. Nicht logische Schritte gliedern seinen Text, sondern Zeitschritte, die er bei der Konstruktion von Bedeutung und Sinn findet.

Maier spielt mit der schwachen Logik der Sachen. Er überwindet mit ihrer Hilfe die Linearität und macht die Logik im Text allzu bewusst. In seinem Buch „Die Straße“ ist ein ganzer Landkreis in Hessen, die Wetterau, durch heimlichen Sex abgewertet. Daraus folgt nicht, dass nicht auch anderswo alle Leute heimlichen Sex betreiben: Es war egal, ob das Zimmer und das Haus und die Straße in unserem Ort und unserem Kreis, dem Wetteraukreis, lagen oder ob das Zimmer und die Wohnung und alles Weitere in Frankfurt oder Hamburg oder beim Lahn – Dill – Kreis oder in irgendeinem Landkreis in Ostwestfalen lagen, die Straße, auf der alles kam, war dieselbe, die Menschen waren dieselben, die Magazine waren dieselben, und die Abnehmer waren ebenfalls dieselben. In jedem Ort, in jeder Stube sahen sie dieselben Busen, dieselbe zukolorierte Scham, dieselben Ärsche, so wie sie, eine Wand weiter in der nächsten Wohnung, den neuen Dr. Sommer – Artikel lasen (A.M., a.a.O, S. 189 f.)

Um seinen Text zu machen, hat Maier sein Wortmaterial eingeschränkt: Wetterau, Frankfurt, Hamburg, Lahn – Dill, Busen, Scham, Ärsche … die Wörter lassen sich auch leicht verbinden. Der Sinn der Textstelle ist so flach, dass er wohl nicht konstruiert wurde, sondern beim Drauflosschreiben von selbst entstand. Dass nur die Busen „dieselben“ sein können, nicht auch die Menschen, fällt kaum auf. Und „die Straße, auf der Alles kam“ ist der typisch vage Inhalt eines modernen, rhetorischen Textes.

Auch Thomas Bernhard hat die Bezüge von Eigennamen nicht geachtet. Er schrieb über die Bewohner von Weng, dass sie alle im Rausch erzeugt worden wären. Werner Schneyder wünschte sich einen Mann aus Weng, der Bernhard ohrfeigen sollte. Das war vielleicht ein barbarischer Wunsch, aber er war nicht unfair. Bernhard hatte die künstlerische Freiheit verletzt und der wütende Dorfbewohner würde eine Regel des Gesprächs verletzen. Die Textstelle in „Frost“ lautet: Alle haben sie hohe, heisere Stimmen. Den meisten ist eine Verkrüppelung angeboren. Alle im Rausch erzeugt. Größtenteils kriminelle Naturen. Ein hoher Prozentsatz der jüngeren Leute sitzt immer im Gefängnis. Die schwere Körperverletzung und die Unzucht und die Unzucht wider die Natur sind an der Tagesordnung. Der Autor verwendet hier den Namen eines realen Ortes in Salzburg und will für seinen Text die ästhetische Ganzheit eines Märchens haben.

Thomas Bernhard



In einem autobiografischen Text beschwor Bernhard die Tugend, die es braucht, um aus deklassierter Lage sozial aufzusteigen: Ich schenkte mir nichts, und das hat mich gerettet und mich bis zu einem gewissen Grad glücklich gemacht. Es ist eine glückliche Zeit gewesen, in welcher ich mir nichts geschenkt habe (…) Ich konnte mir ein Nachlassen nicht leisten, wollte ich nicht wieder in meinem Unglück gefangen sein. Mein Musikstudium ist meinem Lehrlingsdasein nützlich gewesen, umgekehrt mein Lehrlingsdasein meinem Musikstudium, ich befand mich im Gleichgewicht (…) Plötzlich hatte ich ein Geschenk bekommen, von welchem andere ihr Leben lang träumen müssen, ohne dass es ihnen zuteil wird, auf einmal war da, was ich nicht im entferntesten gehofft hatte, mir überhaupt nicht vorgestellt hatte (Th.B., Der Keller, München, 4.Aufl. 1983, S. 100 f.) Dieser volle Einsatz ist aber nur behauptet, er ist nicht dargestellt. Es gibt nur diese allgemeinen Befundsätze, die bei Bernhard existentialistisch und bei Maier psychotherapeutisch klingen. Autoren schreiben hier über sich selber in der Sprache ihres Arztes. Das Glück ist bei Bernhard nur einmal dargestellt, dort, wo er oberhalb der Felsenreitschule dasitzt und auf die Probenmusik lauscht.

Am Ende von „Der Keller“ wird Bernhard ganz und gar philosophisch: Wir erkennen uns in jedem Menschen, gleich, wer er ist, und sind zu jedem dieser Menschen verurteilt, solange wir existieren. Wir sind alle diese Existenzen und Existierenden zusammen und sind auf der Suche nach uns und finden uns doch nicht, so inständig wir uns darum bemühen. Wir haben von Aufrichtigkeit und Klarheit geträumt, aber es ist beim Träumen geblieben. Wir haben oft aufgegeben und wieder angefangen und wir werden noch oft aufgeben und wieder anfangen. Aber es ist alles egal (Th.B., a.a.O., S. 119)

Diese Botschaft hat man - 1976 – hoffentlich nicht als „Novität“ verstanden. Es ist der Existentialismus von 1950, ohne Beimischung. Die Sätze sind nur rhetorischer und schwerfälliger formuliert als bei A. Camus.

© M.Luksan, August 2019

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