DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
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Vertuschung von Vielheit in Österreich

Martin Luksan

In den großen Medien sieht man, was in Österreich gilt. Das sieht man auch außerhalb von Presse und Rundfunk, doch in den großen Medien werden gewünschte Vorstellungen durch Leitartikeln und Überschriften geradezu eingebläut. So heißt es, zum Beispiel "Die Österreicher lieben das Royale" oder "Sie lassen sich ihr Land nicht kaputt reden" oder "Sie spenden gern für einen guten Zweck" oder "Sie spielen Lotto, glauben insgeheim an Glück". Hierbei handelt es sich um Aussagen, die auch dann nicht widerlegt werden können, wenn in einer Gruppe von zehn Leuten acht Personen diese Eigenschaften für sich verneinen. Diese Aussagen meinen kollektive Haltungen, die in Wahrheit gewagte Deutungen von Fakten sind. Denn dass beim Besuch eines Königs in Wien 150.000 Menschen auf den Straßen sind, bedeutet noch nicht, dass sie alle das Royale lieben. Es ist auch überaus gewagt, beim Erfolg der Sammlung für "Licht ins Dunkel" nur die selbstlose Freude an der guten Tat zu vermuten.

Promijournalisten nehmen diese Deutungen vor. Das ist nicht nur in Österreich, sondern weltweit so, dass Journalisten der großen Presse und der großen Sender eine "Meinungsführerschaft" ausüben. Diese ist durch die Besitzverhältnisse bei großen Medien gar nicht selbstverständlich. Viel weniger Bedenken hätte man hier bei Professoren, weil ein Professor durch seine Universität ein höheres Maß an Autonomie behaupten kann als ein Journalist durch seine Zeitung. Die Republik der Gelehrten ist heute noch immer plausibler als die der Zeitungsleute. Durch die Besitzverhältnisse bei den großen Medien, aber auch durch die Förderung der meisten Medien in Österreich ist die Idee der "Vierten Macht" zu vergessen. In den USA ist diese vierte, kontrollierende Macht zufolge des Fehlens von Subvention und wegen des Wildwuchses der Medien potentiell gegeben.

In Österreich hat man parteipolitische Themen in den großen Medien relativ spät zurückgedrängt. Als dies geschah (1968), wurde gleichzeitig die Kultur des Wortes Wochenpresseverflacht, der politische Einfluss auf eine Blattlinie oder auf die Ausrichtung des ORF wurde dadurch nicht beendet. Das "Rundfunkvolksbegehren" bedeutete das Ende von nicht gekennzeichneten Belangsendungen, die Einflussnahme auf relevante Sendungen hörte keineswegs auf. Der ORF hatte eine SPÖ Schlagseite zur Kreisky Zeit und eine ÖVP Schlagseite zur Schüssel Zeit. Der "Kurier" geriet zusehends in die Hand der Raiffeisen Gruppe und die "Kronen Zeitung" machte sich so auflagenstark, dass sie "mitregieren" konnte. Sie erhielt dann von der jeweiligen Regierung ganz verschiedene (auch politisch wertvolle) Zugeständnisse und verhielt sich im Gegenzug bei manchen Themen still. Grundsätzlich gilt für jeden meinungsbildenden Besitzer eines großen Mediums, dass er demokratisch nicht legitimiert ist. Er wurde nicht gewählt, wirkt aber lebenslang durch Stimmungsmacherei in die Öffentlichkeit hinein.

In Österreich sind derzeit nur zwei große Medienbesitzer auch beruflich als Journalisten tätig. Die anderen Eigentümer großer Medien sind keine Zeitungsleute und verfolgen insofern nur kommerzielle, aber auch politische Absichten. Die österreichische Presseförderung hält Zeitungen bis zur Größe des "Standard" am Gängelband. Bei Diskussionen über Qualitätsjournalismus wird von den Diskutanten offen zugegeben, dass Diskussion im Burgtheatereine "public watch doc" , eine Reportage, die etwas Verborgenes enthüllt, in Österreich derzeit unmöglich sei. Für Berichte dieser Art müsse der Enthüllungsjournalist bei einer mittelgroßen Zeitung fix angestellt sein. Wo das nicht der Fall sei, habe der Journalist Angst, etwas Falsches zu schreiben, und auch zu wenig Zeit, um für einen Einzelauftrag ausreichend zu recherchieren. Diese Beobachtung wird wohl stimmen, doch ist über die Absicherung des Journalisten hinaus die ökonomische Autonomie der ganzen Zeitung, des ganzen Senders, wichtig.

In Österreich hat nur die "Kronen Zeitung" alle Voraussetzungen dafür, die kontrollierende "Vierte Macht" zu sein, doch sie spielt die Rolle einer mitregierenden Macht. Hans Dichand hat, seitdem er den Weg der Zeitung allein bestimmen konnte, ein Massenblatt mit Niveau geschaffen. Er führte den Kampagnen-Journalismus in Österreich ein und ging durch die Einrichtung eines Ombudsmann-Dienstes über das bloße Schreiben für den "kleinen und anständigen Österreicher" hinaus. Mit der Höhe der Auflage stieg seine Macht, die er in der Art alter Zeitungszaren einsetzte. Er ordnete jedoch seine Nützlichkeitsmoral einem "Wohl des Landes" unter, das für ihn das "Wohl seiner Leser" war. Er war darin so konsequent, dass er manchmal sogar aufs Mitregieren verzichtete (bei Sinowatz und bei Schüssel), doch er ergänzte stets die ihm vor Augen stehende Mehrheit bedenkenlos zur Einheit des ganzen Landes. Wenn in der "Kronen Zeitung" bei bestimmten Themen das ganze Land dargestellt wurde, so waren die Interessen kleiner und gegnerischer Gruppen entweder verächtlich gemacht oder ganz weggelassen.

Dieses Eintrommeln einer Vorstellung vom Ganzen auf den Leser übt auch jede große Partei, wenn sie sich dem Wähler als Garant für das Wohl des Landes präsentiert. Und über den Parteien und über der großen Zeitung steht die große Kirche, die einen Anspruch auf den Kopf eines jeden Erdenbewohners anmeldet. Ihre Machtstrategien in punkto Einheit haben immer noch eine Vorbildwirkung in Österreich. Die Einheit ist hier kein abstraktes Modell, in dem alle Platz haben, sondern eine konkrete Verstofflichung. Sie verriet sich unlängst bei der "Enquete zum Ethikunterricht" im Parlament *), wohin man die Vertreter von etwa 47 Bereichen geladen hatte. Nur die Beauftragten der Konfessionsfreien hatte man nicht geladen, obwohl für die Kinder der Personen ohne Glaubensbekenntnis der besagte Unterricht gedacht ist. Durch die große Zahl der Geladenen hatte man der Öffentlichkeit eine ganze Ganzheit vorgegaukelt.

Die großen Medien in Österreich unterstützen gegenwärtig noch die Einheit der beiden Nachkriegs-Blöcke. Das ganze Land gilt als befriedet und gerettet, wenn wieder die alte Allianz zustande kommt. Viele Journalisten halten sich für unparteiisch, wenn sie für die Staatsräson Partei ergreifen. In der Regel vernachlässigen sie dadurch die Darstellung von Konflikt und wirkenden Mächten zugunsten der erwünschten Einheit. Nicht gesellschaftsfähigPromijournalisten kritisieren die Staatsmacht nicht hart, den politischen Gegner nicht hart, und die Wirtschaft, das Parlament und die Sozialpartner überhaupt nicht. Das überlassen sie dem "dritten Lager", das zwar schon recht groß ist, aber noch immer nicht "gesellschaftsfähig". So bestätigen sie ungewollt die verbreitete Verachtung für Zeitungswesen. Denn es ist nicht ihre Aufgabe, staatsmännisch zu wirken und den Beruf des Journalisten nur schaumgebremst auszuüben.

*) Siehe "Machtspiele im Hohen Haus"