DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

 
  STARTSEITE


Konrad Bayer – und das Leiden an der Welt

Der Dichter liest die Wörter vor, die er in vielen Stunden mühsam und angeregt aneinanderfügte. Er erhält dafür vom Saalpublikum einen kurzen Applaus und stößt beim Einpacken seines Manuskriptes auf eine unbezahlte Rechnung. Vielleicht begibt er sich noch in eine Kneipe, um eine momentane Leere durch Alkohol zu füllen oder die Fülle der Welt rechts und links weg zu schneiden. Jedenfalls empfindet er - nervlich, nicht sittlich - etwas anders als die lohnabhängigen, die selbständigen und die arbeitslosen Menschen, die er kennt.

Wäre der Dichter Konrad Bayer noch am Leben, würde er die soziale Lage eines Schreibers, der von seinem Schreiben nicht leben kann, nicht umgreifend, sondern Konrad Bayereinbahnig beschreiben. „man soll am anfang nichts teilen, um nichts zu zerstören (…) man darf sich nicht an nebensächlichkeiten verlieren. Das soll nicht heißen, dass man nicht grauenhaft oberflächlich sein darf. Man muss es sein können, um zu entspannen, aber man darf nicht das, was man wirklich will oder braucht, aus den augen verlieren“ (Brief an Ida, 1956) Das heißt nicht, dass ihm die Drogen und die Einsamkeit, das Roulette-Spielen, die unregelmäßigen Honorare und die monatliche Miete, der fehlende Markt für die eigene Dichtung und das Angewiesensein auf Freunde nicht überaus deutlich gewesen wären. Er klammerte aber diese Aspekte aus. Er fügte sie nicht zum Bild einer Figur zusammen, die er hätte selber sein können, sondern er wollte seine Poesie nur aus den Entgleisungen der Sprache gewinnen, weil ja das souveräne Subjekt und die modellhafte Sprache – für den Sprachphilosophen! – unvereinbar sind. Mehr als zehn Jahre später beschrieb uns Peter Handke ein kosmisches Gefühl auf der „Place Vendome“, als dort die Lichter angingen, während sein Vertrag mit Suhrkamp wahrscheinlich spannender gewesen war.

Konrad Bayer vergaß die Demütigungen des Lebens, als er mit Achim Dehne durch die Berliner Kneipen zog („die injektionsspritze kochte neben dem gulyastopf“). Er ignorierte die Banalitäten der Welt, wenn er sich mit Oswald Wiener darüber beriet, wie die schändliche Nichtübereinstimmung von Außen und Innen der Menschheit vor Augen geführt werden konnte. Die beiden „Literarischen Cabarets“ waren wirklich witzig und nicht ohne Mut, weil hinter der Bühne die Polizei lästig fiel. Aber – es gab keine nennenswerte Öffentlichkeit für den still leidenden und arrogant wirkenden Dichter. Bayer war mittlerweile verheiratet und konnte wirtschaftlich nicht existieren. Angeblich war die „Wiener Gruppe“ schon zerfallen, als er sich im Winter 1963/64 mit Armin Ackermann im baufälligen Schloss von Padhi Frieberger in Hagenberg einquartierte. „ich bin hier richtig eingesperrt (…) nächste woche fahre ich auf ein paar tage nach venedig (…) dann muss ich sowieso nach schweden zu den lustigen 47 ern“ (Brief, 1964) Er schrieb den Roman „Der sechste Sinn“ in der Einschicht nieder und lebte dabei von 1000 DM im Monat, die von Rowohlt kamen. Als er im September in Schweden aus dem unveröffentlichten Manuskript vorlas und danach von Hans Mayer und Erich Fried verrissen wurde, konnte er mit einer ungeteilten Akzeptanz des „Sechsten Sinns“ nicht mehr rechnen und hatte außerdem das Auslaufen des Verlags-Vorschusses vor Augen. Im Oktober 1964 brachte er sich durch Gas um.

Weil das Wirkliche nicht dargestellt werden kann (was philosophisch stimmt), konzentrierte Bayer seine intellektuelle und seine poetische Kraft auf Sprachkritik. Blieb beim „märchen von den bildern“ stehen. Das war, als wollte er seine Überlegenheit über die humanistischen Schreiber in keiner Phase seines Schaffens vergessen, und seine Überzeugung, wie modern er für Österreich war, nie anzweifeln.
Es irritiert an ihm, dass ausgerechnet sein Stolz durch seine Literatur hindurchfällt. Eine Person, die sich geistig zu einem Wunderwerk an Bewusstsein und Empfindsamkeit aufgebaut hatte, konnte partout über jene Eigenschaft nicht schreiben, die sie eines Tages vernichten würde.