DAS IST DIE HOMEPAGE VON MARTIN LUKSAN UND DES VEREINS FÜR RHETORIK UND BILD

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Erfolg und Scheitern einer Generation
Zwischentexte aus

Das ganze Leben
von Martin Luksan


Sie stammten aus der Zeit nach dem Krieg und ihre Väter stammten aus der Zeit vor dem Krieg. Darum ist Peter ähnlich wie Paul und Erich ähnlich wie Joe. Ihre Väter waren Nazis, Nicht-Nazis, Mitläufer, Gleichgültige, Widerständler, doch alle waren Kinder derselben Epoche. Die Zeit vor dem Krieg hatte die Jugend der Väter verschlungen und die Zeit im Krieg hatte den Vätern ein Schuldgefühl eingeimpft. Nach dem Krieg waren sie alle verstockt. Da sie über ihre Vorgeschichten nie ausführlich sprachen, wurden sie als Väter keine ganzen Menschen. Sie machten sogar den Söhnen den scheinbar berechtigten Vorwurf, dass sie sich nicht glücklich schätzten, weil sie in der Nachkriegsdemokratie aufwachsen durften. Doch die Söhne waren mit den Vätern unglücklich und die neue Gesellschaft erklärte ihnen nichts.
Peter, der Sohn eines Gewerbetreibenden in Wien, hatte Sinn für Romantik und männliche Tugenden, während der Vater vor der zänkischen Ehefrau kniff und auf seinen Arbeitstouren mit fremden Frauen anbändelte. Paul war der Sohn eines praktischen Arztes in München, der eine Jesuitenschule in Feldkirch besuchte, wo er durch Spaßmachen zu gefallen suchte, während seine lebenslustige Mutter den arbeitswütigen Vater, für den sie als Sprechstundenhilfe arbeitete, durch Kokettieren mit anderen Männern provozierte. Peter und Paul sahen die Filme der Hollywoodstudios in Europa und lasen in Amerikahäusern über die USA. Sie wollten Schubert- und Mozart-Musik gar nicht hören und spitzten bei Folkmusik gleich die Ohren.
Peter musste das Gymnasium verlassen und verfolgte zähe die Matura. Er maturierte und lernte den lahmen, akademischen Betrieb kennen. Er holte sich den Titel in einem Fach, in dem die Prüfungen leicht zu machen waren, wollte aber in keinem Universitätsinstitut dienen. Paul wollte ebenfalls universitäre Bildung, lehnte aber Prüfungsdruck ab. Zu seinem Selbstbild gehörte Wissen ohne akademische Würde, die ihm nur eine Quelle für Komik war. Da bei ihm Familienvermögen im Spiel war, konnte er direkt vom Hörsaal zum freien Autor wechseln, der dann acht Jahre lang an einem Roman über eine Jesuitenschule schrieb. Der Roman wurde nicht veröffentlicht und Paul geriet in eine psychische Krise, aus der ihm die Psychoanalyse gleichsam heraushalf. Peter war die Suche nach einer Autorität fremd. Er verbrachte die Hälfte seiner Zeit als Lohnschreiber für den ORF und verwendete die andere Zeit für seine Literatur. Da er weder eine Anstellung noch ein höheres Einkommen anstrebte, fiel seine Geringschätzung des Betriebes auf und die Leute im ORF präsentierten ihm eines Tages ihre Rechnung. Sie verzichteten bei einer Einsparung vollständig auf seine Mitarbeit. Paul wurde bei PRO 7 angestellt und erbrachte in der Folge eine so große Anpassung an das Milieu der Fernsehredakteure, dass er eine Bitte von Peter um Mitarbeit sofort ausklinkte, um mit seiner neuen Gruppe nicht in Konflikt zu geraten. Bei Peter wurde der wirtschaftliche Druck so stark, dass er vom freien Autor zum Hilfslehrer wechselte, wo er aber wieder die Halbtagstätigkeit der Ganztagsarbeit vorzog.


Paul fand es unpassend, die Tanzschule zu besuchen, nur um dem anderen Geschlecht nahe zu sein. Peter wollte den Beruf seines Vaters nicht erlernen, weil dieser schwielige Hände hatte. Bei der Selbstgestaltung steht einem das Ich etwas undeutlich vor Augen, sodass man am Wegfallen äußerer Hindernisse gar nicht zielstrebig arbeiten kann. Das Ich des Selbstgestalters verlangt nicht stets, sondern nur sporadisch sein Recht. Ein Geigenkonzert schien Peter eine mindere Kunst zu sein, weil vier Streicher auf einer Bühne nur eine einzige Art von Handbewegung machen. Paul mokierte sich über Mozart-Kugeln, Lippizaner und Filme mit Hans Moser. Nur die Jugend bewahrte ihn davor, ein Sonderling zu werden. Peter ekelte sich vor dem österreichischen Tourismus und konnte die kurze Reihe der österreichischen Bundespräsidenten nicht aufsagen. Er prüfte ständig seinen Mut beim Springen, Schwimmen und Radfahren, als wäre dies eine gute Vorbereitung für das Eintreten in die Gesellschaft.
Die große, weite Welt sagte nicht Nein zu ihrer flippenden Jugend. Sie gab ihr wirklich eine Chance. Claire und Iwan lernten einander in Künstlerkreisen kennen. Zelda und Scott interviewte man an der Cote d´ Azur. Henry und June machten Sex in Paris. Dann war das aus und die große Freiheit kam erst wieder nach dem nächsten Krieg. Doch diesmal war der Einschnitt größer und die Freiheit der neuen Generation hielt sich in Grenzen. Die Väter und Mütter wurden weniger abgelehnt als nach dem ersten Krieg, man sah auch weniger, wer sie wirklich waren. Karlheinz brauchte viele Jahre, um aus der Rolle, die sein Vater für ihn geschaffen hatte und auf die er festgenagelt war, herauszutreten und sich der Afrikahilfe zu widmen. Er sagte Nein zu seinem bisherigen Leben und spielt jetzt einen, der für andere lebt


Der eine Vater war als Sozialist in einem Lager des Ständestaates interniert gewesen. Er hatte dort Nazis kennen gelernt, die ihm später den Rat gegeben hatten, sich freiwillig zur Organisation Todt zu melden. Der andere Vater trat dem NS Studentenbund bei, um an der Medizinischen Fakultät München leichter promovieren zu können. Der Vater von Paul war kein Mitglied der Partei, aber eines im Studentenbund. Als die Organisation Todt aufhörte, zu bestehen, wurde Peters Vater der Waffen SS zugeteilt. Peter fand ein Foto von ihm, das ihn fröhlich vor bewachten Zwangsarbeitern zeigt. Erzählt hatte der Vater aber immer nur von einer Kuh, die in einer ukrainischen Sommernacht ihr Gehege verlassen und zwischen den Zelten der T.N-Männer gegrast hatte. Er hatte das Tier mit einem „Halt wer da?“ gestellt und um ein Haar erschossen. Unter Pauls Onkeln gab es einen, der als Kriegsverbrecher enttarnt worden war, als er als Bundeswehr-Oberst in Pension hatte gehen wollen.
Ein Vater sagte zu seinem Sohn: Ich glaubte an die Autorität und sah nicht, wer sie war. Du aber hast die Möglichkeit, die Person zu sehen, die dir befiehlt. – Ein deutscher Bundeskanzler sprach von der „Gnade der späten Geburt“. Wer freilich die „Gnade“ zu sehr betont, erlässt den Alten die Rechenschaftspflicht für Damals. Peter stellte mehrmals fest: Der Neid auf die Jungen fehlte nicht bei den halben, sondern bei den ganzen Opfern. Der Überlebende eines deutschen KZ neidete den Jungen nichts, er war ihnen dankbar, wenn sie ihn über die alte Zeit befragten.


Zwischen 1914 und 1945 war alles Krieg, von Inseln des Friedens abgesehen. Die Politik hatte die Sogkraft von Religion und die Religion betätigte sich politisch. Gerade die wirkungsvollsten Politiker hatten die Fähigkeiten von Feldpredigern und Dompredigern. Wiener Cafehaus am 1.5.1933Sie waren für die Macht des Wortes, aber nicht für die Lösung von Problemen zuständig. Sie entwickelten ihre Ideologie und teilten sie per Lautsprecher oder per Radio den Leuten mit, wobei sie nicht wirklich auf bestimmte Gruppen, sondernauf anonyme Massen einredeten. Das Ringen um die Masse wurde zwar von den katholischen Rednern immer abgewertet, aber um 1929 war die „schändliche Art des Machterwerbs“ auch für die Väter der kommenden katholischen Diktatur unabweisbar. Der katholische Brandredner faselte von Gott, der das Volk der Österreicher durch Not und Elend auf die Probe stellte, und der sozialistische Brandredner beschwor das furchtlose Volk, damit es die Herrschenden hinwegfegen möge. Der eine lebte in Saus und Braus, der andere floh 1934 als erster. Diese Politiker aus der Zeit des langen Krieges waren zwar unterschiedlich rational, aber als Personen gleichermaßen unglaubwürdig.
Nach 1945 kamen ehrlichere Politiker, die aber an Stelle von Utopien nur Halbwahrheiten erzeugten. So gesehen war ein gewisser Fortschritt gegeben. Karl Renner schrieb für den 25. April 1945, an dem er eine Regierung vorstellte, folgende Worte: angesichts der Tatsache, dass die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers kraft dieser völligen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt, den kein Österreicher jemals gewollt hat, - sei Österreich unabhängig.
Und Ernst Fischer schrieb im gleichen Jahr: Wir müssen erkennen, dass die Spaltung des Volkes nur den Nazis zum Nutzen gereichte, dass es die Taktik dieser Todfeinde Österreichs war, die Sozialisten gegen die Katholiken, die Konservativen gegen die Kommunisten aufzuhetzen. – So hat bei Renner kein wahrer Österreicher den Anschluss gewollt und haben bei Fischer die Nazis den Konflikt zwischen Rechts und Links erfunden.


Der Journalist verneinte die Gesellschaft (seltsamer Journalist) mit Hilfe der KPÖ, doch nach dem Fall der Mauer wandte er sich von der KPÖ ab und verlor alle seine Bekannten. Nur bei der KPÖ hatte er Arbeit gehabt, jetzt war er arbeitslos und isoliert. Er trat einem Freidenkerverein bei und widmete sich der „Volksbildung“, aber das war keine Zeitungsredaktion Wien 1950Rettung. Sein Herzleiden, das er immer verheimlicht hatte, verschlechterte sich und er starb wie vom Blitz getroffen. Der Maler schied nach einem Konflikt mit seinem Lehrer an der Akademie aus und versuchte lange Zeit vergebens, eine bescheidene Anerkennung zu finden. Er starb, ohne Erfolg gehabt zu haben, nach einem zweijährigen Martyrium im Spital. Der Rundfunkmann, der englische Sendungen eindeutschte, verfiel im Sendehaus dem Trunk und wurde deswegen von seiner Ehefrau kurz gehalten. Da trank er noch mehr und brach in einer Winternacht auf dem Bürgersteig tot zusammen Die Lebensgeschichten sind alle dunkel, weil die Menschen einander nichts vollständig mitteilen können und am Ende ihre Welten mitnehmen ins Nichts. Durch ihren Tod löschen sie innere Ordnungen aus, die für die Lebenden manchmal interessant, meistens belanglos sind. Sogar der Skifahrer Toni aus Tirol, den sein Erfolg zeitlebens hell beleuchtete, lebte genau genommen ein dunkles Leben. Der Skifahrer Klaus aus Kärnten warf durch seine Gier besonders lange Schatten. Als er merkte, dass er nicht Spitze war, zog er mit seiner amerikanischen Frau in die USA, wurde dort Mitbesitzer ihrer Apotheke und mixte für Filmschauspieler Salben. Durch den Verkauf der Apotheke an L´Oreal wurde er tatsächlich reich und möchte heute mit Turnschuhen und kalifornischen Weinen noch mehr verdienen als einst mit der Apotheke.


Eines Tages waren die Holzwände weg und die Grube, über die die Straßenbahnen auf Gerüsten gefahren waren, waren durch eine Straßendecke und eine Unterführung ersetzt. Das Haus am Ring war von innen und von außen beleuchtet und funkelnde Karossen rollten über die glatte Straße. Viele Diener, mit und ohne Livree, öffneten die vielen Türen. Oskar Kokoschka huschte rätselhaft als erster ins Haus. Er trug eine große Mappe mit unbekanntem Inhalt. Gleich nach ihm dröhnten Männer mit Frack und Zylinder durchs Foyer: der Autokönig Ford II, der Tanzschulenbesitzer Elmayr, der Schauspieler Jürgens. Stiller traten die Musiker auf. Egk, Orff und Einem trugen Straßenanzüge und weiche Hüte. Die Frauen hatten Perlen auf den Kleidern und Juwelen um den Hals. Elfie Mayrhofer, Winnie Markus, Paula Wessely und Christl Schönfeldt, deren Titel „Gräfin“ hinten Eroeffnung d. Wr. Staatsoper 1955nachgestellt wurde, weil er im Neuen Österreich nicht mehr selbstverständlich war. Ein Teil der Prominenz nahm im Parterre Platz, man sah von den Logen aus die strahlenden Gesichter. Sogar die Wessely sandte ihre bekannte Heiterkeit aus, obwohl sie Attila Hörbiger im Festgewühl verloren hatte. Curd Jürgens hatte Eva Bartok an seiner Seite und einen Preis aus Venedig in der Tasche. Ein Operndirektor aus Hamburg und einer aus Moskau sagten je einen netten Satz über das Haus in Wien. Nur Wolfgang Wagner aus Bayreuth wurde länger interviewt und war so auf gleich und gleich gestellt mit dem österreichischen Radiomann Heinz Fischer Karwin. Nach der Übernahme des Schlüssels sagte der eiserne Zuchtmeister der Oper Karl Böhm mit seiner leisesten Stimme: Wir spielen jetzt den Donauwalzer, unsere inoffizielle Hymne. Und dann war nicht nur die Oper, sondern auch die ganze Stadt und der ganze Erdkreis von Applaus erfüllt, weil ja das Heer der Namenlosen, die nicht ins Haus hineinpassten und von der Prominenz im Haus gleichsam vertreten wurden, draußen vor dem Tor dennoch teilnahmen, dank neuester Technik.


Als Kind, sagte Pauls Onkel (der Deserteur, nicht der Kriegsverbrecher) hatte ich die Spanische Grippe und laborierte an den Folgen zehn Jahre lang. Als wir in Österreich einmarschierten, freuten sich auch jene Ösis, die Hitler ablehnten. Wir sind 15 Stunden Deutsche Soldaten 1945am Tag marschiert, das war für uns Infanteristen ganz normal. – Er betonte die Not und das Elend der alten Zeit und unterstrich dadurch seine Fügsamkeit. Diese war nicht größer als die der andern innerhalb seiner Generation. Er desertierte 1945 aus der Deutschen Wehrmacht zu den Amerikanern. Als Prisoner of War knüpfte er in Indiana lebenslange Freundschaften. Angehörige aus Farmer Familien bei Terre Haute besuchten ihn 1960 und 62 in München und am Starnberger See. Im Unterschied zu Pauls Vater, der sein Medizinstudium und sein Wirken als Militärarzt verdrängt hatte, verheimlichte dieser Onkel nichts, sodass sein Neffe ein vollständiges Bild von der alten Zeit erhielt. Peter fand in seiner Verwandtschaft keinen, der ihm seine erste Lebenshälfte wahrheitsgemäß erzählt hätte. Sein Schwiegervater war stolz darauf, dass er 1938 von der deutschen Polizei als Mitglied der vaterländischen Sturmscharen verhört worden war. Er gab sich als Anhänger von Engelbert Dollfuß zu erkennen. Nach seinem Tod fand die Familie dieses Rechtsanwaltes einen Brief der Anwaltskammer von 1947, der sein Vorleben breiter ausleuchtet: Wir können dich derzeit leider nicht aufnehmen, da Du 1942 der Partei beigetreten bist.
Hatten die Angehörigen der älteren Generation ihre Lebensgeschichten aus Angst vereinfacht und verfälscht? Paul hatte eine bessere Erklärung: Jede Generation war so vollständig in ihrer eigenen und anderen Zeit verwurzelt, dass ein Graben innerhalb der Familie entstand. Peter sagte: Ich hätte ihnen ohnehin keinen Vorwurf gemacht!, und Paul sagte: Es war nicht die Angst. Sie wollten mit uns nicht verglichen werden. - Der „Graben der Generationen“ brachte Peter auf die Idee, dass die Vereinsamung eines Menschen nicht erst in der Schule und am Arbeitsplatz beginnt, sondern bereits in der Familie. Er beschrieb die heftigen Streits mit seiner Schwester, die am Wochenende manchmal zu seiner Ausschließung von einem Ausflug führten. Paul war überrascht vom Gewicht der Strafe: So ernst haben sie mich nie genommen. Wenn ich was angestellt hatte, durfte ich nicht allein mit der Bahn fahren oder mir Schuhe nicht selber kaufen.


Junge Menschen, für die im Leben noch Vieles neu war, fühlten sich mit den Hungernden, den Ausgebeuteten und den Erschreckten wundersam verbunden. Sie hatten alle noch Hausbesetzer 1968keinen Beruf und studierten Fächer, die nicht alle einen Beruf garantierten, und ein Teil der Leitartikler und der Professoren schien sie zu mögen und zu verstehen. Die Jugend. Die Ungeduld. Die Gerechtigkeit. Die Zukunft. Die Studierenden studierten und protestierten und begriffen ihren Einspruch als Politik. Wenn sie einen Hörsaal durch einen Sitzstreik und Straßenverkehr durch einen Aufmarsch lahm legten, so war das nicht Kultur, sondern Politik. Sie gestalteten ihre Lebensäußerungen nicht, sondern griffen gleich nach Regierung und Parlament. In Deutschland diskutierten sie über die Einflussnahme auf Bonn, während sie in Wahrheit nur einen Bericht durch einen großen Sender und einen Artikel in einer großen Zeitung im Auge hatten. Als man Jahre später über die 68er nachdachte, die in Parteien reüssiert hatten, warf man ihnen Verrat an den ursprünglichen Ideen vor, dass ihr Protest aus viel Jux und Tollerei bestand. Aber diese Leute hatten eben nicht bloß mitgemacht, sondern sich immer auch gesagt, dass ihr Protest aus viel Jux und Tollerei bestand.
Sie waren mit der Welt, die sie beeindruckte, nur durch Fernsehbilder verbunden. Im Radio sangen sie vom “day, when your captain will call you and you must obey” und das Fernsehen zeigte die Betroffenen in den USA in der gleichen Aufmachung. 1983 bei einem Veteranentreffen in Wien sagte Gretchen Dutschke kein Wort über den verstorbenen Rudi Dutschke, weil ihr beim Fest-Gerede der andern die Lust dazu vergangen war. Keine Medien, keine Verbundenheit. Die alten Herren von der Frankfurter Schule waren größtenteils schon tot und außerdem als Stichwortgeber und Zitate-Lieferanten veraltet. Die Studierenden selber hatten nichts geschöpft. Sie hatten ihr Leben und die Gesellschaft, in der sie gelebt hatten, nicht analysiert und nicht dargestellt. So schrieb ein Filmkritiker in New York 1983: Wir wissen bis heute nicht, was in den 1960er Jahren mit uns geschah.


Die Kunst. Der Künstler. Die Gesellschaft. Die Freiheit. Die moderne Kunst. Der geförderte Künstler. Die gelangweilte Gesellschaft. Der Schock. Ein jüdischer Kunsthändler in Wien, der eine Galerie im 1. Bezirk betrieben hatte, wollte nach dem Krieg das Geschäft in Wien nicht weiterführen, weil er aus Österreich vertrieben worden war und mit den Hermann Nitsch 1983Bildern von Grandma Moses in Amerika Geld verdiente. Ein Domprediger von Sankt Stephan, der als Seelsorger ständig mit künstlerisch begabter Jugend zu tun hatte, vereinbarte mit dem Händler die Weiterführung der Galerie unter einem neuen Namen. Die Räumlichkeiten waren noch voll mit gegenständlicher Kunst, doch das Gebot der Stunde war die abstrakte Malerei. Von ihr hatte der Händler fast nichts gesammelt, sodass Otto Mauer, der Prediger, junge Maler dazu aufforderte, ihre innere Bewegtheit auf der Leinwand so abstrakt wie möglich zu gestalten. Die Franzosen und die Amerikaner zeigten ihre neuesten Maler in Innsbruck und in Wien und der eine oder andere Maler von Otto Mauer fuhr mit dem Zug nach Paris. Dort studierte er die Werke von Wols oder Mathieu, kehrte zurück und malte gestisch und farblich ganz interessante Bilder. Otto Mauer vergaß alle gegenständlichen Maler, um die er einst bemüht gewesen war, voll und ganz und verlangte jetzt Informel von seinen Malern. Diese rangen als Exorzisten oder als Besessene mit dem bösen Engel und ohne Berührung mit der äußeren Welt – sie drückten dadurch einen Konflikt aus. Das Ewige und das Ganze.
1960 brachte Otto Mauer Übermalungen von Arnulf Rainer unter dem Titel „Kreuz und Nacht“. Er und Rainer stellten eine Madonnenstatue auf, die über die Bilder mit den monochromen und jene mit den schwarzen Batzen wachte. Dem Gros der Kritiker missfiel damals das Religiöse dieser Kunst, sodass Rainer journalistisch auf sich selber hinwies und schließlich in Wolfsburg das Bild einer deutschen Grafikerin durch Übermalung zerstörte. Da endlich kam das deutsche Fernsehen zu ihm und machte ihn durch ein Interview bekannt, in dem er sich der neuen Kunst-Öffentlichkeit als Werkzerstörer und Triebmensch vorstellte. Viel stolzer als Rainer war Otto Mühl. Er lebte seine bösen Triebe voll aus und kam dafür ins Gefängnis. Hermann Nitsch, ängstlicher als Mühl und pedantischer als Rainer, versuchte das Gesamtkunstwerk zu schaffen, das zu schaffen bisher noch niemanden gelungen war und das auch er nicht zustande brachte. Auch er verstärkte nur die närrische Wichtigtuerei der Kunst und verzichtete stattdessen auf Einsicht und leichte Verzauberung, die der Kunst immerhin möglich sind.

Kommerz hat das letzte Wort

Um 1950 kaufte die Stadt Wien Bombengründe, entfernte die Ruinen und erbaute auf den freien Flächen Wohnhäuser mit einfachster Grundausstattung. Für diese neuen Häuser, die Wohnbau in Wien 1950keine Gemeindebauten waren, wurde den Wiener Arbeiterheimen ein Baubüro angegliedert, das Karl Mark leitete. Durch ein Gesetz war festgelegt, dass keine dieser Wohnungen mehr als 150 000 Schilling kosten dürfe. Wer dort einzog, musste 15 Prozent der Wohnungskosten sofort entrichten und durfte dann den Rest der Wohnung in kleinen Raten an die Republik Österreich abstottern. Schon nach einem Jahr stellte der Gerechtigkeitsfanatiker Mark fest, dass vor allem finanzkräftigere Personen, denen der Bezug einer Gemeindebauwohnung durch die Höhe ihres Einkommens verwehrt war, nach diesen Wohnungen griffen. Sie wollten sie billig haben – aber mit größerem Komfort. Über dieses Problem zerstritt sich Mark mit Felix Slavik. Slavik brachte das wirtschaftliche Argument, indem er vorschlug, die Eigenmittel des Wohnungskäufers von 15 auf 70 Prozent hinaufzusetzen und mit dem solcherart vermehrten Kapital die Wohnungen bequemer zu gestalten. Mark sagte Nein mit Hilfe der moralischen Begründung, dass nicht der allgemeine Wohnbau, sondern die Errichtung von Wohnungen für finanzschwache Personen die ursprüngliche Idee für die Schaffung der Organisation gewesen sei. Slavik setzte sich durch, Mark musste gehen und die Idee war gelöscht.

Werbung macht Druck

Er hatte gerade die Hauptschule abgeschlossen oder die Oberstufe des Gymnasiums eben erst betreten, als er während der Radiosendung anrief und dem Gerichtspräsidenten eine Frage stellte. Auch ältere Personen wurden durch den Promi-Juristen fein belehrt. DerSchoene Koerper 2003junge Mann schnitt die Karte aus der Tageszeitung aus und schickte sie an die Redaktion, damit diese wusste, wen er für das „bestangezogene Paar“ im Lande hielt. Er blieb jedoch der Wahl zum Nationalrat fern, weil er die Lust noch nicht verspürt hatte, sich das „Gezänk der Parteien“ durch politische Begriffe zu erklären. Dann sah er eine Fernsehdiskussion, in der der Stadtrat die Bürgernähe verkörperte, der Werbefachmann der Kulturkritiker war und der Industrielle die Konsumenten schützte. Der Diskussionsleiter bat das Publikum, die Standpunkte abzuwägen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Der junge Mann gelangte zu einer eigenen Meinung, die er als Brief an den Sender schickte, der ihn aber als Gewinner des Plattenspielers nicht ausloste. In einem Werbespot trat der Fabrikant Toni Arnsteiner mit dem Skifahrer Franz Klammer wie der Vater mit dem Sohn auf. Es war aber nicht die Liebe, sondern das Geld der Grund, weshalb der „Sohn“ den Thermo-Rennski des „Vaters“ in die Welt hinaustrug. So lernte der junge Mann fast täglich ein neues Bild der uferlosen Welt kennen und keines war mit sich identisch. Diese Mehrdeutigkeit konnte er aber nur bei einer Schauspielerin reizvoll finden, wenn sich diese als „Hure und Dame“ auf einem Kanapee räkelte, wohingegen ein öffentlicher Mann verwirrend und ekelerregend für ihn war, wenn er „Bergwandern und schnelles Autofahren“ als seine Hobbies angab. Irgendwann merkte dann der junge Mann, dass der Bedeutungsnebel kein Missgeschick, sondern das Wesen der Werbung war und dass das Vernebeln oder Anreichern mit Bedeutung nicht nur Spaß und Anregung erzeugte, sondern auch eine eigene, nur von Werbung ausgelöste Angst. Er würde vielleicht eines Tages kein schnelles Auto haben und keine Hure und Dame im Ehebett vorfinden – ja er würde überhaupt nie das pralle Leben der öffentlichen und reichen Leute führen und außerdem gezwungen sein, sich dafür insgeheim zu schämen.

Selbsttäuschungen des Ich

ÜberWoodstock 1969 Alleinsein führte Peter genau Buch, während Paul seinen Kalender mit Hammerhai - Gedichten füllte und immer wieder das Wort „Endlich allein“ hineinschrieb. Er ging in Schwabing an Lokalen vorbei, wo im Sommer junge Leute in offenen Fenstern saßen und laut über ihre Zukunft nachdachten. Da trat er ein, nahm still am Nebentisch Platz und versuchte, die Gespräche zu belauschen. Peter in Wien jedoch fand Lebenserkenntnisse und Schlüsselerlebnisse in berühmten Büchern. Paul, der sich über mangelnde Autonomiebeklagte, vermutete den Leitfaden stets bei anderen. Peter hingegen, der die Wahrheit schon zu haben glaubte, suchte die wahnhafte Gemeinschaft, die ihn entdecken und auf den Schultern herumtragen sollte. Diese kleine und scheinbare Masse sollte aufhorchen, wenn er sprach, verstummen, wenn sie ihn sah, und ihn als Anführer ohne Wenn und Aber akzeptieren. So war der eine wie der andere Held von günstigen sozialen Bedingungen abhängig. Beide schufen Sprachkunstwerke, die nur am Horizont fertig aussahen, und füllten damit ihre Freizeit aus. Peter schrieb: Die Nachbarin überprüft, ob um acht Uhr meine Jalousien oben sind, der Briefträger, ob ich daheim bin, und der Greißler, ob ich bei Kasse bin. – Und Paul antwortete: Das ist für mich kein Problem. Das Problem ist, dass wir in die Rolle des Flusspferdes geraten sind. Wir sind nur noch als Einzelstücke existent, als Gattung sind wir bereits ausgestorben.

Sozialismus als Moral

Karl Mark war bei Machern der SPÖ, die ihre Macht innerhalb der Partei durch Kompromisse mit Gruppen außerhalb erhöhten, kompromisslos. Er stritt vor allem B.Kreisky und F.Slavikmit Felix Slavik und mit Franz Olah. Er förderte talentierte Parteimitglieder ohne Hintergedanken für die eigene Macht und ohne Vorteil für sich selber, indem er sie bei internen Veranstaltungen oder bei halbprivaten Treffen von Funktionären beiseite nahm und in politische Gespräche verwickelte. Bestätigten sie den guten Eindruck, den sie schon gemacht hatten, stellte er seine Einserfrage: Warum gehen Sie nicht in die Politik? Herta Firnberg antwortete darauf: Die SPÖ ist eine Partei für Männer. Und Christian Broda sagte: Adolf Schärf mag mich nicht. Nun ging Mark zu Johann Resch, der Broda als Bundesrat vorschlug, und er bewog Otto Probst, dass er Herta Firnberg auf der Favoritner Liste zum Nationalrat weiter oben listete, als vorgesehen war. Das war der Beginn zweier Karrieren. Mark genügte damit einem Ideal der Auswahl von Funktionären. Begabung und Motivation. Es genügt ihm nicht, wenn eine Person politisches Talent (und persönliche Loyalität) zeigte, sie sollte auch einen idealistischen Beweggrund für ihre Berufswahl verraten. Sie sollte alten Zielen der Partei dienen wollen. Kein Funktionär sollte die Geschicke der Partei beeinflussen können, der einen politischen Sonderweg gehen oder sich unter dem Vorwand von Sozialismus die eigene Tasche füllen würde.

Physisches und psychisches Überleben

Peter in Wien hatte junge Habenichtse vor Augen, die sich als Schiffsärzte oder wissenschaftliche Zeichner um 1830 auf Weltreise begeben hatten, als er seinen Brief über Cafehaus Paris, 1983die Bereitschaft schrieb. Die Keuschheit und die Regelmäßigkeit fallen mir leichter als die Bereitschaft. Ich bin etwas bequem. Paul in München widersprach, denn er hatte Peter in einem winzigen Raum erlebt mit nichts drin als einem Bett und einem Tisch, wo der Freund in kurzer Zeit eine ganze Dissertation geschrieben hatte. Paul verwechselte das Leben in Entbehrung mit der Fähigkeit eines Menschen, seine einmal gefundenen Lebensumstände zu ändern. Nachdem das geklärt worden war, einigten sich die beiden auf die Feststellung der nur relativ neuen Lage, die die UNO nach dem 2. Weltkrieg deklariert hatte. Das Recht des Einzelnen auf Leben also das hatten sie, aber sie hatten kein Recht auf einen bestimmten Beruf. In den neuen Literaturgeschichten lasen sie, dass um 1950 überall auf der Welt die Schriftsteller aufgehört hatten, sich für Gott, Rasse, Vaterland und klassenlose Gesellschaft zu engagieren. Nur in Frankreich engagierten sie sich länger. Die großen Fiktionen waren zu der Zeit, als die Rettungsautos üblich wurden, bereits lächerlich geworden. Darum war auch nirgendwo ein neuer Malraux zu sehen, dessen Leben sie hätten nachleben können. Es gab die äußeren Verhältnisse, die für gute Literatur dringlich waren, nur in ihren Köpfen, dennoch fühlten sie sich dem nötigen Leben bereits nah, sodass es sie manchmal fast verstörte, wenn ihnen literarisch wieder nichts gelang.
Peter kam durch sein Studium auf die Beine. Er hörte auf, Bindungslosigkeit zu provozieren, und suchte ernsthaft nach Beziehungen, wurde aber öfters als der liebenswürdige Paul von anderen Menschen jäh und kommentarlos verlassen. Das Leben beider war durch ständige Verzögerung geprägt, fast alles gelang ihnen erst beim zweiten Mal. Der Abschluss eines Bildungsweges. Der Eintritt in einen Beruf. Eine Publikation. Anders als Paul konnte Peter kein Haus, kein Auto, keine Reise zur Schau stellen, doch Paul in seiner netten Art bekräftigte jederzeit, dass es ein Zeichen von Lebenskraft sei, wenn jemand trotz Armut diszipliniert lebte. Peter hatte sich einen Jogginganzug gekauft, den er eines Tages bei einem Jungbanker wieder fand, als dieser beim Frühstück durch eine Zeitung interviewt wurde. Dieser Laffe findet nur durch Geld zu seiner Disziplin. Manager geh halt! Nimm ihm das Gehalt weg und er hört auf, zu joggen.
Durch Pauls Briefe kam Peter auf die Idee, dass seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Aufschub wie die Befolgung einer Weisheit wirkte. Strikte Zeitvorgaben töten ja die Kreativität. Er ahnte, dass das Leben jene mühselige und kurze Sache war, die in Sonntagspredigten früher offen angesprochen wurde, aber er wies ein Wort von Paul leidenschaftlich zurück. Der Freund hatte es im Anschluss an ein Maturatreffen formuliert, das unter ehemaligen Jesuitenzöglingen abgehalten worden war. Er schrieb: Im Leben ist nicht viel drin. – Das vorhersehbare Leben ohne höheres Gelingen wollte Peter nicht auf sich beziehen.

Freiheit oder Anpassung

Noch vor der großen Wahl im Oktober veröffentlichte der Wiener Bürgermeisterseinen Plan für eine sichere Stadt, doch die Gegenpartei redete von einer „kranken Stadt“ und versprach den Wählern mehr Freiheit, endlich mehr Freiheit. Also gewann wieder die SPÖ auf allen Ebenen, zumal wieder Bruno Kreisky für Beschäftigung, Aufstieg und Bildung im Lande sorgen wollte. Die Wähler sollten damals weniger eine Partei als vielmehr gleich den Fortschritt und die Modernität wählen. Ergo SPÖ – alle steigen auf – alle haben es besser. Am 21. Dezember 1975 überfielen Terroristen das OPEC Gebäude gegenüber der Universität. Sie töteten drei Personen, verletzten drei weitere schwer und durften dann mit den Erdölministern als Geiseln nach Algerien ausreisen. Dort wurden dann sowohl die Minister als auch die Terroristen freigelassen.
In diesem Jahr lernten einander Peter und Paul in Wien kennen. Paul hatte sich mit einem Mensa-Schnitzel bei der Kassa vorgedrängt und Peter hatte ihm zwei Finger zwischen die Schulterblätter gebohrt. Daraus war ein Gespräch über die Sicherheit in Wien, Kreisky unddie brotlosen Fächer entstanden. Peter hatte sein Interesse für einen KlosteraufenthaltKlosterkirche Heiligenkreuzbekundet, weil nur eine Zelle, ein Kreuzgang und ein Klostergarten ihm geeignet schienen, sein Stück „Simplicius“ über Anarchie zu schreiben. Paul empfahl Haschisch, Peter lehnteab und erhielt eine Woche später eine Einladung nach Heiligenkreuz. Dort hätte er gegen eine Spende vom Typus „Geben Sie was Sie geben wollen“ eine Zeitlang Aufnahme gefunden. Peter fand diesen Ort ganz stark, aber das viele Beten zu penetrant. Er schrieb seinem neuen Freund nach München: Das regelmäßige Beten schafft eine Einteilung, die ich selber mache. Ich suche nur den Ort, wo die Konsumtrottel nicht hingelangen. – Paul antwortete: Erstwenn du dich anpasst, siehst du, was dir bleibt. – Da formulierte Peter recht aggressiv: Denkst du vielleicht, dass deine Klöster wirklicher sind als du und ich, nur weil sie uns überdauern? – Und Paul schrieb: Das denke ich natürlich nicht. Ich finde nur, auch der Papst lebt wie wir an und pfirsich und hat uns trotzdem was voraus. Er tritt auf uns zu und sagt: Grüß Gott, ich bin der Papst.

Doppeldeutige Zeit


1979. Die MX Raketen wurden nicht schon in diesem Jahr, sondern erst 1981 hergestellt. Die Freudenmädchen saßen in Washington in Hotelbars und aus ihren Handtaschen rief der Pfeilton. Eine Cocktail-Kellnerin mit College-Abschluss lernte so einen bewachten Ukrainer kennen, dem der amerikanische Geheimdienst den fast täglichen Geschlechtsverkehr bezahlte. Die Freudenmädchen in Wien warteten auf die Eröffnung der UNO City. Eine österreichische Reporterin wollte in Afrika der Beschneidung von Burschen und von Mädchen Peep Show in Wienbeiwohnen, doch die Häuptlinge ließen sie nicht zuschauen. Der Solotänzer des Bolschoj-Balletts suchte in New York um Asyl an. Die Gattin eines amerikanischen Herzspezialisten aß im „Goldenen Hirschen“ in Salzburg Pilze, die aus der Dose stammten. Mit ausgebreiteten Armen flog ein Selbstmörder vom obersten Stockwerk eines Münchner Hochhauses in die Tiefe und die Passanten riefen: Jo mei, ein Segelflieger! In Zürich wurden die ersten Peep Shows eingeführt, nachdem die Behörden mit den Geschäftsleuten vereinbart hatten, dass die Frauen ihre Intimzone nicht berühren dürfen. In jenem Jahr zeigte eine Wahlbroschüre einen blühenden Baum auf einem sanften Hügel, eine Mutter, die die Hand ihres Säuglings küsst, eine Familie beim Frühstück und einen Hochofen. Vor einem ältlichen Arbeiter steht Dr. Kreisky und hat seinen Kopf so weit gedreht, dass der andere direkt in sein Ohr spricht.

Dichter außerhalb der Gummizelle

Peter nahm am Ingeborg Bachmann-Wettbewerb der Autoren teil. Da wollte Paul von ihm hören, wie übel die Juroren, das Publikum und die Veranstalter den Dichtern in Klagenfurt mitgespielt hatten. Peter berichtete jedoch nur von halb erloschenen, fügsamen Menschen, die eine vorgegebene Rolle brav ausfüllten. Denkt denn der Dichter, mir als Publikum macht es Spaß, ihm beim Vorlesen zuzuhören? Er beschrieb einen jungen Autor, der auf dem Gehsteig immer darauf wartete, dass der Lektor seine Hand ergriff und ihn über die Straße führte. Und er beschrieb sich selbst, wie er in Restaurants (die Autoren Oberkritiker Reich-Ranitzkywaren exzellent verpflegt) mit einem Radiomann über Weltliteratur stritt, während alle andern am Tisch nur über Reisespesen und Tantiemen redeten. Die Literatur war nur für die Juroren im Klagenfurter Stadtsaal ein Thema, ansonsten drehte sich alles nur um Honorare. Das bisschen Geld war hier des Dichters Welt. Durch diese Darstellung fühlte sich Paul in seiner Unterscheidung der „Inhalts-Besessenen“ von den „Inhalts-Verweigerern“ bestätigt, die er seit Bezug eines Reihenhauses in Pullach angeregt beobachtete. Die Besessenen kaufen sich rechtzeitig vor der Fernsehsendung einen neuen Videorekorder, schieben aber die Reparatur ihrer Zentralheizung bis zur kalten Jahreszeit hinaus. Die Verweigerer holen bei einer wackeligen Türklinke oder einem tropfenden Wasserhahn blitzschnell die Handwerker herbei, brauchen aber für das Einordnen aller ihrer Bücher in ein Regal ungefähr 30 Sekunden. Als Dank für diese Unterscheidung widmete Peter ein Pamphlet gegen Redakteure seinem Münchner Freund. Diese Leute, schmähte er, erlauben dem Dichter nur Angst, Einsamkeit und Schönheit, während sie selber ihren Intellekt in Vorworten und Essays langweilig ausbreiten. Da wagte Paul einen herbeigeholten Witz: Dieses Kritisieren, Attackieren und Verurteilen lässt uns auf die Dauer alt aussehen… wir sehen dann aus wie diese Leute, die man früher in den Geisterbahnen dafür bezahlt hat, dass sie die Besucher in den offenen Waggons mit Staubwedeln am Kopf berührten. Und Peter antwortete streng: Es muss bitte erlaubt sein, dass ich ungeachtet meiner vielen Fehler und Schwächen noch etwas anderes kritisiere als mich selbst.

Weite Welt

Eine junge Wienerin lernte im Österreich-Pavillon in Los Angeles einen Psychiater aus Wien kennen, als sie dort als Service-Girl arbeitete. Die beiden heirateten nicht, aber hatten eine wunderbare Sado–Maso–Beziehung miteinander. Dann war das aus und die junge Frau löste einen Frachtbrief für ein Schiff von Santa Monica nach Triest. Sie war bereits ein Monat in Wien, da musste sie am Südbahnhof einen Schaukelstuhl, indianische Wandteppiche und einen 1 Meter 80 großen Teddybär in ihre Wohnung holen. Eine Muskatnuss aus Osttimor. Ein Schrumpfkopf aus Amazonien. Ein Vulkanbrocken aus Johannes Paul, 2003Feuerland… Ein Werbefachmann traf sich an den schönsten Plätzen der Welt mit den wichtigsten Redakteuren der Welt und handelte mit ihnen aus, wie viel die katholische Kirche für einen Bericht über den Papst bezahlten sollte. Der ORF war besonders günstig. Der Frau des Werbefachmannes, die in erster Ehe mit dem Skifahrer Hinterseer verheiratet gewesen war, mietete eine Skihütte für ihren Mann. Dieses Haus in Kitzbühel wurde von Paul Mellon untervermietet. Die Ehefrau zahlte 6 Monatsmieten im voraus, damit sich ihr Mann von den anstrengenden Flügen, den eindrucksvollen Begegnungen und den aberwitzigen Verhandlungen in einer Atmosphäre aus Kaminfeuer und Apres Ski ein halbes Jahr erholen konnte.

Tolle Welt

Geld Geld Geld. Sagte Vicky Morgan, als sie die Villa von Big Alfred in L.A. betrat. Trotz ihrer 18 Jahre schätzte sie den dünnen und berühmten Mann aus der Kaufhaus-Familie Bloomingdale richtig ein. Er kämpfte für „Mehr Sauberkeit in Kalifornien“, doch in Betrueger Bernie Cornfeld, London 1965seinem Haus peitschten einander Männer und Frauen mit Lederriemen. Dieser ehemalige Senator von New York, Manager von Frank Sinatra, Gründer von Diner´s Club und Mitglied in Reagan´s „Küchen-Kabinett“ wollte im fortgeschrittenen Alter nur noch für die Wollust leben. Er gab der jungen Mutter einen Scheck über 8000 Dollar. Diese begann, die Orgien des reichen Mannes zu organisieren. Sie bestimmte, auf welche Weise er Frauen bestrafen durfte und handelte mit den Dirnen die Gagen aus. Sie erfand neue Spiele für den Wollüstling. Eines Tages wurde sie ihm untreu und ersetzte ihn durch Bernie Cornfeld, den Großbetrüger in London. Danach wurde sie die Gespielin von König Hassan in Marokko. Sie ließ sich die Brüste vergrößern und kehrte, attraktiver denn je, zu Bloomingdale zurück. Er setzte sie im Wahlkampfbüro von Reagan ein, wo sie mit George Bush intim bekannt wurde. Dann lebte sie eine Zeitlang mit der Tochter von König Feisal, mit der sie sich bis aufs Blut prügelte. Am Ende machte sie eine Kreuzfahrt im Stillen Ozean und die US – Küstenwache enterte ihre Yacht vor der Küste vor Hawaii. Vicky Morgan zog sich in eine Nervenklinik zurück und erfuhr dort von der Krebskrankheit des Bloomingdale. Noch einmal tauchte sie bei ihrem ursprünglichen Gönner auf und spielte für ihn die erotische Krankenschwester bis zu seinem Ende. Alfreds Witwe sperrte alle Geldflüsse an sie und die 29 jährige Frau gründete einen gemeinsamen Haushalt mit einem homosexuellen, jungen Mann, der sie ein Jahr später tötete.

Kottans Welt

In Wien hörte ein Jüngling im ORF Radio eine Meldung über die DDR. Ostdeutschland stellte 125 Arten von Gartenzwerg her, die zu zwei Drittel in Schweden abgesetzt werden. Der junge Mann verfluchte die Medien, zog sich einen Mantel an und ging sehnsüchtig an der „Venus Bar“, an der „Madame Bar“ und am „Cabaret Renz“ vorbei. Er bedauerte den Geldmangel, der ihn daran hinderte, sich mit einer jungen Frau in einem Separee augenblicklich zu entspannen. An die selbe Ecke in Wien dachte etwa zur selben Zeit der Gangster Franz Altmann in Buenos Aires, als er dort einen Reporter der „Kronen Zeitung“ fragte, ob die alten Beiseln noch bestünden. Er schleuderte einst eine Schreibmaschine der Wiener Polizei bei einem Verhör durch ein geschlossenes Fenster. Sexgewerbe am Wr. GuertelDiese Wiener Renitenz (sowie das Wiener Verbrechen) wurden in den Abenteuern des Major „Kottan“ vom Österreichischen Fernsehen trefflich eingefangen. Die Wiener Untaten waren den Verbrechen in Miami nicht ähnlich, wo man mitunter eine Polizeistation überfiel oder sich als Berufsmörder durch Sporteln fit erhielt, doch „Kottan“ schuf eine eigene, herzlich-bösartige und komisch-hausbackene Welt. Im Anschluss an ein Attentat gegen eine Bank in der Kärntnerstraße passierte 1985 eine Untat, die Major Kottan vielleicht schon aufgeklärt hat oder nie aufklären wird… Ein Angestellter einer Stahlfirma trat aus einem Spielkasino heraus, als der Sprengstoff gerade an der Bankfassade detonierte. Er wurde augenblicklich schwer verletzt, schleppte sich jedoch bis zum „Hotel Sacher“, brach dort zusammen und rollte sich aus Angst vor weiteren Detonationen am Gehsteig wie ein Igel ein. Ein Polizist hockte sich hin und tastete ihn ab, ein anderer löste über Funk Großalarm aus. Dies sah ein Mann von einer nahen Imbissbude erschrocken mit an. Er hatte sein Würstel gerade bezahlt und hielt seine Brieftasche noch in der Hand. Ein zweiter Kunde des Würstelmanns, mit dem er eben gesprochen hatte, verzichtete darauf, sich billig zu verköstigen. Er riss dem Fassungslosen die volle Brieftasche aus der Hand und verschwand damit auf Nimmerwiedersehen.

Stolz ist Gift für Erfolg

Gleich nach Beendigung seiner Analyse arbeitete Paul in der Programm-Abteilung von Pro 7. Peter, der im ORF die gleiche Arbeit seit langem machte, wollte über Pauls Tätigkeit nichts Näheres wissen. Er dachte weiter über Stolz und Selbstgestaltung nach, wobei er in Briefen und in Gesprächen die Wörter „Erfolg“ und „Karriere“ oft verwendete. Karrieristen, definierte er im Gespräch, sind Erfolgreiche, die mit Selbstgestaltung nicht einmal beginnen. Man kann offenbar eigene Maßstäbe nicht an sich anlegen, wenn man die Forderungen anderer Menschen strikt befolgt. Das sind ja Leute, die so sehr gefallen wollen, dass sie schon als Buben damit anfangen, fremde Erwartungen Frommer Autor macht kleineSchritteautomatisch zu erfüllen. – Wir haben, sagte Paul, einen Karrieristen in unserem Sender, den ich wirklich mag. Er ist umgänglich, loyal, verschwiegen… dabei klettert er unablässig höher. – Ist er aber, rief Peter, fachlich Spitze? Ist er kreativ? Ist er stolz? - Paul schnitt eine skeptische Grimmasse: Er ist gehorsam und ein bisschen feig. Du wirst dem Bild, das du dir von dir machst, nicht ähnlich, wenn du nicht hie und da anderen Menschen und ganzen Gruppen widersprichst. - Ich weiß nicht, sagte Paul, gestaltet man das wirklich selbst?
Peter hielt Pauls Zweifel für eine Wirkung seiner Analyse. Er polemisierte aber gegen das heilsame Zuhören nicht und lobte stattdessen den „Stolz“. Der Stolz war für ihn das Kettenhemd für das Ich, auf das es die Umwelt abgesehen hatte. Anders als Eitelkeit und Hochmut, die ausgesprochen schädlich waren, schien ihm der Stolz die innere Lebensqualität zu garantieren. Vom Stolz gelangte er zum „zornigen Autor“, vor dem alle Kirchenchristen und einige Literaturkritiker zurückwichen. Dieser Autor versucht, seinen Leser direkt zu finden, während der demütige Typ sich noch weiter in die Macht seiner Vermittler begibt. Hör mal, die Hölle das will der Demütige selber sein! Kannst du dir einen Politiker vorstellen, der die Hölle selber sein will? Nein. Aber der demütige Autor, der Stubenwurm, das wirtschaftliche Nichts, spricht seine Umgebung durch seine Literatur frei. – Bei diesem Gespräch, das nahe bei Pro 7 stattfand, zeigte Paul durch das Fenster eines Restaurants auf die Strasse, wo gerade jemand misstrauisch zum Himmel blickte: Da geht dein Autor durch die regennasse Stadt und trinkt mit aufgestelltem Mantelkragen ein Bier! Peter dachte eine Weile nach: Ja aber er würde nie jemanden tätlich angreifen, nur weil es seine Theorie verlangt.

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