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Am 20. August 1959 verstarb der große, oberösterreichische Grafiker und Schriftsteller Alfred Kubin. Er war ein „Meister des Schreckens“ und über dieses immer wieder zitierte, wohlmeinende Epitheton keineswegs glücklich.

Unterdessen ist es um den Könner von zahlreichen Mappenwerken und Buchillustrationen zu E.T.A. Hoffmann, E.A.Poe und F.M. Dostojewskij sehr ruhig geworden. Ob das mehr an seinem expressiven Stil oder mehr an der unheimlichen Irrealität seiner Bilder liegt, ist kaum zu sagen. Hier hätten jene „Fachleute“ ein Urteil abgeben sollen, die ihm ungerechterweise ein Naheverhältnis zur Kirche oder gar zu einem der vergangenen Unrechtsregime angedichtet haben. Wie dem auch immer sei, den 50. Todestag haben die zuständigen Kulturinstitutionen anscheinend übersehen. Denn „Alfred Kubin in Zwickledt“ (ein gekonnt gemachter Führer von Berndt Erhard und Angelika Fischer, 2008 im S. Fischer Verlag, Berlin, erschienen) und das sehr ausführlichen Buch von Andreas Geyer „Kubin als Schriftsteller und Träumer auf Lebenszeit“ (Böhlau Verlag 1995) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man Kubin bereits ad acta gelegt hat.
Von dem multimedialen szenische Projekt im Rahmen von Linz 2009, Titel „Alfred Kubins Albtraumland“, möchte ich gar nicht reden. Auch nicht von der hermenhaften Plastik, einer Skulptur a la Mostdipf, die Kubin als einen freundlich dreinblickenden Gnom präsentiert. An dieser Stelle soll bei aller Wertschätzung des Künstlers nicht verschwiegen werden, dass Kubin zeitweilig an Selbstüberschätzung litt. So schrieb er in einem Brief an Hans von Müller am 16.1.1902:
„Da mir das Leben unter den Fingern fast fühlbar entrinnt, fasste ich den Verdacht ob der Realität der Dinge. Alles was ich je erlebte, erscheint mir plötzlich zauberhaft, fast mystisch und unwirklich. Ich glaube auch nicht mehr, dass ich Künstler bin, vielleicht bin ich Schriftsteller, vielleicht ein Philosoph“.
Schopenhauer spricht in diesem Zusammenhang von der Tatsache der unmittelbaren Berührung von Genialität und Wahnsinn. Und Andreas Geyer berichtet über das „Einige Worte – Fragment“, dass hier ein geistig-psychischer Zustand des Menschen literarisch - therapheutisch beschrieben wird, den Otto Weininger in seinem Buch „Geschlecht und Charakter“ 1903 philosophisch – wissenschaftlich vorführt. In dem besagten Fragment schreibt Kubin über die vielen Gesichter seines fiktiven Ich, dass sie ihm unzählbar geworden sind. Weininger, der hier an Schopenhauer anknüpft, vertrat die Ansicht, dass sich der Grad der Genialität schon an den Gesichtszügen erkennen lasse. Damit trifft sich laut Geyer die Auffassung von Kubin mit derjenigen Weiningers, dass bei begabten Menschen der Ausdruck des Gesichtes viel öfters wechsle als bei unbegabten. Man vergleiche dazu die Porträtbilder von Goethe, Beethoven und Kant, die zu verschiedenen Zeiten hergestellt wurden. Das zur Schau getragene Antlitz ist nicht nur ein Spiegel, sondern auch eine Bürde des Menschen. Diese Vorstellung findet sich auch bei Nietzsche. Dort wird das Antlitz auch als Fatum gedeutet, das ein Streben nach Glück nicht zulässt.
In der Kunst werden Antlitz und Fatum mit Linien ausgedrückt, die Raum und Zeit fest zu halten suchen. Im 19. Jahrhundert wurde die Zeichnung - vor allem im ostasiatischen Raum die Tuschzeichnung - zu einer Art von Meditation. Kubin liegt mit seiner Demaskierung „Sieh dich an, du Bestie“ und „Achte auf die Gefahr“ eigentlich voll in unserer Zeit.
Ich darf hier auch an Eduard von Hartmann und seine „Philosophie des Unbewussten“ erinnern, die Kubin gekannt hat. Grundzüge der Psychoanalyse sind bei Hartmann vorgezeichnet, sodass Sigmund Freud für seine Seelen-Analyse eine Fülle von Gedanken vorfand. Ähnlich wie Kafkas tyrannischer Vater hat auch der Vater von Kubin eine traumatisierende Wirkung. Dieser Mann, ein Vermessungstechniker, sah seinen Sohn erst zwei Jahre nach seiner Geburt. Der junge Kubin hat unter dem frühen und qualvollen Tod der Mutter, einer Pianistin, sehr gelitten. Die Egozentrik des Künstlers ist eine tiefenpsychologische Reaktion und darüber hinaus ein Schutzschild gegen die Anfeindungen des Lebens. Nach dem Motto: Solches Elend nimmt ein kreativer Geist nicht wahr, allein das tägliche Ringen um die Kunst und die Vorsehung soll ihn tragen!
Zur Zeit des Kubin wurden der akademische Stil und seine Formregulative einfach beiseite geschoben. Wohl sprachen die Franzosen von „Decadence“ und meinten damit eine Entartung durch Überfeinerung, aber sie taten es mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Den damaligen größten internationalen Künstlern, zu denen auch Kubin zählt, war die Ablehnung aus Vernunftgründen durch die bürgerliche Kritik gerade recht: „Entweder die Mitglieder des Blauen Reiters und ihre Gäste sind total verrückt oder wir haben es mit unverschämten Schwindlern zu tun.“ Einige dieser Verrückten (u.a. Kandinsky, Klee, Feininger) gingen nach dem 1. Weltkrieg ans Bauhaus, wo sie eine Verbindung von Architektur und Kunstgewerbe eingingen und zur Gestaltung des deutschen Expressionismus beitrugen.

Zuletzt noch folgende Zeichnung von Alfred Kubin, bei der ich Klaus Albrecht Schröder zitieren darf: „Auf unendlich weitem, ödem Feld, das von toten Bergen begrenzt ist, jagt ein Pferd einher, dessen Hinterteil schon zum Skelett geworden ist. Der Reiter drückt mit plumpen Bein dem Ross in die Flanken. Vom Reiter sieht man einen Teil des Kopfes, der an einer Latte vorgeschoben wird. Das Ganze nennt sich Hungersnot: eine frühe Zeichnung Kubins aus den Jahren 1901/1902.“ ««
Emmo Diem
Weitere Texte von Emmo Diem findet man unter http://www.emmodiem.at in den Spalten A PROPOS und MISCELLANEA
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