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Selbstgestaltung in Österreich
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Bei Selbstgestaltung wird das Ich angenommen und im Zweifelsfall begünstigt. Die Person will- nach Maßgabe ihres Selbstbildes - nicht nur vor sich, sondern auch vor der Umwelt bestehen.
In den 1920 er Jahren war Selbstgestaltung nicht nur mit Freiheit von Konvention, sondern auch mit gutbürgerlicher Herkunft und Weltläufigkeit verknüpft. Nach 1945 findet man jedoch die Selbstgestalter in allen sozialen Schichten. Sie sind nicht mehr auf Künstler und Intellektuelle mit bürgerlichem Hintergrund beschränkt und versuchen auch nicht mehr, in die Politik zu greifen. Sie üben aber einen diskreten, manchmal heimlichen und verzweifelten Protest gegen die Elterngeneration, die die Täter- und Opfer-Generation in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. Mit dem Widerstand gegen die Eltern war ein Widerstand gegen die Leitkultur verbunden. Diese Kultur pries in Österreich ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, das es 1945 angesichts der Masse an ehemaligen Anhängern des Dritten Reiches nicht gab. Dieses Gefühl wurde anfangs nur medial beschworen, genauso wie die Unschuld der österreichischen Nation, die ebenfalls nicht gegeben war. Die jungen Verweigerer nach dem Krieg hatten für Österreich-Mythen keinen Sinn, sie waren stattdessen für die Kultur der Siegermächte geweckt, die mit der Kultur der USA identifiziert wurde.
Die Eltern der Generation von 1945 bis 1960 waren auch als Nicht-Nazis, als Mitläufer, Gleichgültige, Widerständler, durch die Zeit des Mangels und der Nicht-Demokratie geprägt. Sie hatten den 2. Weltkrieg als Überlebenskampf erlebt, der ihre Jugend verschlungen und ihnen ein Schuldgefühl eingeimpft hatte, und wollten an diese Zeit nicht mehr erinnert werden. Dadurch war aber ihre Vorgeschichte vor 1945 für ihre Kinder gelöscht. Die Schuldgefühle wurden durch einen Vorwurf an die Kinder und die neue Gesellschaft kompensiert. Die neue Gesellschaft bot keinen höheren Sinn und die Kinder schätzten sich nicht glücklich, dass sie in der mittleren Lage einer Nachkriegs-Demokratie aufwachsen durften.
Peter und Paul
Peter: Sohn eines Kleinunternehmers in Wien hatte Sinn für Romantik und männliche Tugenden, während der Vater vor der zänkischen Ehefrau kniff und auf seinen Arbeitstouren mit fremden Frauen anbändelte. Paul: Sohn eines praktischen Arztes in München besuchte eine Jesuitenschule in Feldkirch, wo er durch Spaßmachen zu gefallen suchte, während seine lebenslustige Mutter den unnahbaren Vater, für den sie in der Arztpraxis arbeitete, durch Kokettieren mit anderen Männern provozierte. Peter und Paul sahen die Filme der Hollywood Studios in Europa und lasen in Amerikahäusern über die USA. Sie wollten Mozart und Schubert-Musik nicht hören, spitzten aber bei irisch-amerikanischer Musik die Ohren. Peter schlug den Besuch einer Lehar-Oper aus, weil er lieber die Schlager der Westside-Story trällerte.

Der Selbstgestalter findet seine Vorbilder in der fremden Kultur, als Deutscher und Österreicher in den USA. Um 1960 empfehlen Deutsch-Lehrer, die modern sein wollen, angelsächsische Autoren. Der Selbstgestalter in Österreich wird durch katholische Leitkultur weniger bedrückt als durch die kaputte Familie, menschliches Desinteresse und soziale Isolation. Er sucht nach Charakteren, Körperbildern, Posen, Lebensstilen und Genussdingen gemäß seiner eigenen Moral. "Ich wurde durch das Kino sozialisiert", sagt der Filmemacher Petrus van der Let. Und diese Moral, mit der der Gestalter zwischen richtig oder falsch für sich selber unterscheidet, ist mit den ethischen Werten der Gesellschaft nicht verknüpft.
Peter wollte in keine Fachschule gehen, er verfolgte zäh die Matura, nachdem er aus dem Gymnasium geworfen worden war. Er wollte universitäre Bildung haben. Dann ekelte ihn der lahme, akademische Betrieb an, aber nicht so stark, dass er auf den "Doktor" verzichtet hätte. Er holte sich den Titel in einem Fach, in dem die Prüfungen leicht zu machen waren, wohl wissend, dass ihm der Titel keinen Beruf geben würde. Er hatte sich sogar die Möglichkeit zu einer Arbeit als Hochschullehrer geschaffen, aber es gehörte nicht zu seinem Selbstbild, in einem Universitätsinstitut zu dienen. Paul wollte ebenfalls für Bildung offen sein, doch er lehnte Prüfungsdruck völlig ab. Zu seinem Selbstbild gehörte universitäres Wissen ohne akademische Würde, die ihm nur eine Quelle für Komik war. Als er zu studieren aufhörte, war Familienvermögen im Spiel, sodass er vom Hörsaal direkt zum freien Autor wechselte, der dann acht Jahre lang an einem Roman über eine Jesuitenschule schrieb. Da er das Gros seiner Lebensspesen nicht selbst erwirtschaften musste, konnte er frontal auf sein Selbstbild zugehen. Dann wurde der Roman nicht veröffentlicht und Paul geriet in eine psychische Krise, aus der ihm die Psychoanalyse sozusagen heraushalf. Peter war die Suche nach einer Autorität fremd. Er verbrachte die eine Hälfte seiner Zeit als Lohnschreiber für den ORF und verwendete die andere Zeit für seine Literatur. Da er weder eine Anstellung noch mehr Arbeit anstrebte, fiel seine Geringschätzung des Betriebes auf und die Leute im ORF präsentierten ihm eines Tages ihre Rechnung. Sie verzichteten bei einer Einsparung vollständig auf seine Mitarbeit. Paul wurde bei PRO 7 angestellt und erbrachte in der Folge eine so große Anpassung an das Milieu der Fernsehredakteure, dass er ein Angebot von Peter zur Mitarbeit sofort ausklinkte, um mit seiner neuen Primärgruppe nicht in Konflikt zu geraten. Bei Peter wurde der wirtschaftliche Druck so stark, dass er vom freien Autor zum angestellten Hilfslehrer wechselte, wo er aber wieder die Halbtagstätigkeit der Ganztagsarbeit vorzog.
Selbstgestalter und Christentum
Mehr als jede andere große Fiktion beendet und unterbindet der Glaube an Gott die Selbstgestaltung. Nach 1945 angesichts der Zerstörung genoss das Christentum keine Anziehungskraft bei jungen Leuten. Die österreichische Kirche zog sich aus der Politik zurück. In dieser Zeit einer relativen Säkularisierung (in der die Zahl der Kirchenaustritte dennoch geringer war) war die Selbstgestaltung weit verbreitet. Heute finden die jungen Leute eine - mediale - Aufwertung des Christentums vor und gelangen seltener zur Selbstgestaltung. Sie modeln ihr Ich für die Gesellschaft zurecht, auch wenn sie vorhaben, aus der Kirche auszutreten. ««
Martin Luksan
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Weshalb wir Acceptance brauchen
Acceptance – die Annahme des Ich durch das Ich - war nach dem 2. Weltkrieg recht plausibel und wurde 40 Jahre später voll abgelehnt. Ernst Jandl zum Beispiel rief in einem Saal voller Subventionsgeber aus: „Die Hölle, meine Damen und Herren, das sind nicht die andern! Die Hölle – das bin ich selber!“
Nachdem die Banken die Einlagen der Reichen verspielt haben und von allen Staatsbürgern gerettet werden müssen, und nachdem die große, freie Wirtschaft beinahe zugesperrt hätte, aber vom Staat eine Subvention erhielt, erweist sich das Chaos weniger im Einzelnen als dort, wo mit Hilfe von viel Werbung die falschen Richtlinien formuliert und eingehämmert werden.
Worauf soll sich der Einzelne zurückziehen? Womit kann er sicher rechnen?
Die österreichische Gesellschaft hat viel Psychologie nötig, um sich die Österreichischen Seelen zu erklären. Die interessantesten Seelen haben die Kreativen, die überall auf der Welt ein größeres Risiko eingehen als die Normalverbraucher. Was ist los mit den Kreativen?
Was ist los mit den Narzissten? Leben wir nicht mehr im Zeitalter des Narzissmus?

Karlheinz Böhm zum Beispiel hörte auf, in Kinofilmen zu spielen, und widmete sich voll der Afrikahilfe. Er verweigerte eine Rolle und nahm eine andere an, die er selbst bestimmte, doch dies geschah nicht in freier Wahl, obwohl es eine Befreiung war. Der Selbstgestalter Karlheinz Böhm befreite sich durch einen Kompromiss, an dem er hart gearbeitet hatte.

Selbstgestaltung ist nicht die Verwirklichung, sondern die Vereinheitlichung des Ich. Der Selbstgestalter steht dabei zu seinem sozialen Umfeld in einer größeren Spannung als zu sich selber. Er nimmt sein Ich an, ohne es zu bewundern. Er desavouiert es nie, im Zweifelsfall begünstigt er es, denn er hat es bitter nötig. Er will vor seiner Umwelt bestehen, jedoch nach Kriterien, die er selber aufstellt.
Früher, in den Roaring Twenties, war der Selbstgestalter frei von Konventionen, weltläufig und von gutbürgerlicher Herkunft. Das ist vorbei. Nach 1945 finden wir Selbstgestalter in allen sozialen Schichten. Die Merkmale dieses Umgangs mit sich selbst sind nicht mehr auf Künstler und Intellektuelle beschränkt, sondern als diskreter, manchmal klammheimlicher Protest gegen die Eltern und gegen die Kultur, ohne Pathos und große Gesten, überall auffindbar.
Der Hauptverdränger in Österreich war die Generation des 2. Weltkrieges, die diesen Krieg keineswegs nur als Zeit des fremden Schreckens, sondern auch als verlorenen Kampf für „ihre“ Gesellschaft und „ihre“ Kultur erlebt hat. Wir – die Kinder – die Jahrgänge von 1940 bis 1960 – wuchsen in Familien auf, in denen die Zeit vor 1945 gelöscht war. Weder Schuldgefühl noch Schamgefühl bedrückte unsere verschwiegenen Eltern, doch eine Bitterkeit stieß ihnen übel auf: Wir – die Kinder - wuchsen in der mittleren Lage der Gesellschaft auf. Dieses Glück hatten sie nie gehabt.
Wir fanden die katholisch-österreichische Leitkultur vor, doch der Vatikan hatte alle Faschismen unterstützt und Österreich hatte den Krieg verloren. Diese Leitkultur konnte junge Menschen nicht faszinieren. Die Große Kirche passte sich an, sie lockerte ihre Bindung zur bürgerlich-konservativen Partei in Österreich und gestaltete dadurch die neue Zeit mit. Die Selbstgestalter unter uns wurden nicht mehr durch Katholizismus bedrückt und auch nicht durch Habsburgische Mythen, sondern durch menschliches Desinteresse und durch soziale Isolation. Durch kaputte Familien. Wir wuchsen in einer Umwelt auf, die menschlich vor uns zurückwich, uns aus dem Wege ging, so dass wir anderswo nach Charakteren, Körperbildern, Posen, Lebensstilen, Genussdingen und Werkzeugen suchten, als in unserer angestammten Umgebung.

Die Moral, mit der ein Selbstgestalter zwischen richtig und falsch seine Entscheidungen traf und seine Dinge auswählte, war mit den ethischen Werten der Österreichischen Gesellschaft nicht verknüpft.
Nun werden unsere Kinder – die Kinder der alleingelassenen Nachkriegsgeneration - die Helden von Morgen sein. Diese jungen Leute geraten zur Zeit in eine Phase der Aufwertung von Religion hinein, die nach dem Krieg unmöglich gewesen wäre, und auch jetzt noch zynisch ist. Der Zugang zur Bildung wird ihnen erschwert, auf den Universitäten werden sie wie in Fachschulen gehalten, die große Öffentlichkeit ist erfüllt von einer Atmosphäre des Zurechtmodelns des Ich für einen fantasierten, künftigen Arbeitgeber, den es nie geben wird.
Über all das müssen jetzt die Alten Klarheit gewinnen, um es den Jungen deutlich sagen zu können. ««
Martin Luksan
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